03. April, 2025

Startups & VC

Wie Vialytics die Straßeninstandhaltung digitalisiert

Das Start-up aus Stuttgart digitalisiert die marode Infrastruktur mit KI und bekommt dafür Millionen – aber kann das System auch dauerhaft funktionieren?

Wie Vialytics die Straßeninstandhaltung digitalisiert
Vom Start-up zum Staatshelfer? Über 600 Kommunen in 7 Ländern nutzen Vialytics – doch der Erfolg hängt auch vom geplanten Milliardenpaket der Bundesregierung ab.

Deutschlands Straßen sind vielerorts in schlechtem Zustand, doch statt mit Schaufel und Baustellenlärm beginnt der Umbau jetzt mit einem Klick. Das Stuttgarter Unternehmen Vialytics analysiert mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz und Smartphones den Zustand kommunaler Infrastruktur.

Die Idee: Kommunen erfassen Straßenschäden nicht mehr manuell, sondern lassen die Straßenzustände per Kamera und KI automatisiert auswerten. Die Geräte? Smartphones, montiert an der Windschutzscheibe, etwa von Müllfahrzeugen.

Die Software: Eine hauseigene KI, die Risse, Löcher und Verkehrsschilder analysiert, kategorisiert und georeferenziert. Das Resultat: Ein digitaler Zwilling des Straßennetzes, den über 600 Kommunen in sieben Ländern bereits nutzen.

Vom belächelten Experiment zum GovTech-Vorzeigeprojekt

Als die Gründer 2018 mit der Idee starteten, Smartphone-Kameras zur automatisierten Straßenanalyse zu nutzen, wurden sie belächelt.

Heute haben Achim Hoth, Danilo Jovicic-Albrecht und Patrick Glaser ein Team von über 100 Mitarbeitenden aufgebaut, die Expansion in die USA geschafft – und namhafte Investoren überzeugt.

Unter anderem EnBW NewVentures, Scania Growth Capital und Acton Capital investierten insgesamt mehr als 18 Millionen US-Dollar.

Dabei war das Umfeld keineswegs technologieoffen: Die kommunale Verwaltung gilt als träger Markt, durchzogen von Ausschreibungsregeln, Datenschutzbedenken und politischer Lähmung. Genau dort setzt Vialytics an: mit Effizienzversprechen, niedrigeren Kosten und automatisierter Planung.

KI statt Klemmbrett: Vialytics ersetzt handschriftliche Straßenerfassung durch Smartphonekameras – effizient, aber für über 100 € pro Kilometer kein Schnäppchen.

"Wir reduzieren Vor-Ort-Erfassungen von einem Jahr auf 36 Stunden", sagt etwa Daniela Siegl von der Stadt Goslar, die früher auf Fußgänger und Klemmbrett setzte.

Smartphone statt Ingenieurbüro – ein Paradigmenwechsel

Technisch basiert das System auf Bilderkennung und neuronalen Netzen. Straßenschäden werden automatisch in Schadensklassen sortiert und auf einer digitalen Karte angezeigt. Zugriff über eine App macht es möglich, alle relevanten Akteure – vom Bauamt bis zur Bürgermeisterin – in die Planung einzubeziehen.

Ein Kilometer Straßenerfassung kostet rund 100 Euro. Kein Schnäppchen, aber in Relation zur bisherigen Praxis – Stichwort: Begehungen, Ingenieurbüros, Dokumentation – ein Bruchteil. Die Rückmeldequote ist entsprechend hoch: Laut Unternehmen haben 95 % der Kommunen ihre Verträge verlängert.

Nächste Schritte: Mehr Funktionen, mehr Märkte, mehr Einfluss?

Die Entwickler arbeiten bereits an Zusatzfunktionen: Fahrbahnmarkierungen erkennen, Anwohner über Baumaßnahmen informieren, Beschwerden Bürger direkt einbinden. All das soll die Plattform zur Schaltzentrale für kommunale Instandhaltung machen. Ein Milliardenprogramm für Infrastruktur, das von der nächsten Bundesregierung vorbereitet wird, könnte den nächsten Schub bringen.

Doch die Frage bleibt: Kann ein Start-up wie Vialytics langfristig gegen starre Verwaltungsprozesse, Datenschutzbedenken und politischen Stillstand bestehen? Und wie reagiert der Wettbewerb – etwa die klassische Ingenieurbranche, die bislang die Standards gesetzt hat?

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