Ein digitaler Assistent soll retten, was jahrelang verschlafen wurde
Siemens-Chef Roland Busch lächelt nicht oft. Doch als er auf der Hannover Messe den Hermes Award für den Industrial Copilot entgegennimmt, wirkt der sonst so nüchterne Konzernlenker fast gelöst.
Der Preis für das KI-Tool, das Programmiercodes schreibt, Maschinenfehler findet und Industrieanlagen intelligenter steuert, ist mehr als nur eine Trophäe – er steht sinnbildlich für einen historischen Wendepunkt. Für die Chance, Deutschlands industrielle Kernsubstanz in die Zukunft zu hieven.
Denn der Druck ist enorm: Jahrzehntelang lebte der deutsche Maschinenbau von Präzision, Qualität und Ingenieurskunst. Doch Digitalisierung und Automatisierung wurden lange als Randthema behandelt.
In der Folge: schrumpfende Margen, abwandernde Kunden, wachsender Wettbewerbsdruck aus Fernost. Nun soll KI das Ruder herumreißen.
Eine Branche zwischen Absturz und Aufbruch
Die Zahlen wirken wie ein Hoffnungsschimmer in düsteren Zeiten. Laut einer gemeinsamen Studie von Strategy& und dem VDMA könnten generative KI-Systeme die Profitabilität im Maschinenbau um bis zu 10,7 Prozentpunkte steigern – das entspricht potenziell 30 Milliarden Euro zusätzlichem Gewinn.
In einem Sektor, der zuletzt unter Produktivitätseinbußen, Fachkräftemangel und explodierenden Energiepreisen ächzte, wäre das ein Befreiungsschlag.
Doch die Euphorie hat einen Haken: Der Weg dahin ist lang. Zwar setzen laut Bitkom bereits 42 Prozent der Industriebetriebe KI ein – meist jedoch nur in Pilotprojekten oder vereinzelten Anwendungsfällen. Systematisch verankert ist die Technologie bisher in gerade einmal sieben Prozent der Unternehmen.

Technologischer Rückstand – strukturell gewachsen
Dass Deutschland hier nicht vorneweg marschiert, sondern aufholt, ist ein hausgemachtes Problem. „Wir starten nicht von vorn, sondern von hinten“, fasst es Christine Knackfuß-Nikolic von T-Systems auf der Hannover Messe nüchtern zusammen.
Während in China bereits über 90 Prozent der Betriebe KI nutzen, ist hierzulande die IT-Infrastruktur oft veraltet, die Datenqualität miserabel, und der Mangel an Fachpersonal ein Dauerproblem.
Viele Mittelständler schrecken zudem vor der Komplexität zurück. Fehlende Erfahrung, regulatorische Unsicherheit und hohe Anfangsinvestitionen lähmen den Fortschritt. Dabei wäre gerade im Mittelstand, der die DNA des deutschen Maschinenbaus prägt, der Hebel besonders groß.
Vom Sammler zum Jäger: Daten als Waffe
Peter Burggräf, Professor für Produktionsmanagement an der Uni Siegen, bringt es auf den Punkt: „Unternehmen haben jahrelang Daten gesammelt, ohne zu wissen, was sie damit anfangen sollen.
Jetzt beginnt die Phase des Jagens.“ Gemeint ist: Wer heute nicht nur Daten hat, sondern diese auch auswertet, antizipiert, daraus lernt – der verschafft sich einen unschätzbaren Wettbewerbsvorteil.
Burggräfs Team hat auf der Messe eine KI-Anwendung vorgestellt, die Maschinenparameter selbstständig optimiert. Kein Mensch muss mehr eingreifen, um Produktionsabweichungen zu korrigieren.
Die Folge: bessere Qualität, weniger Energieverbrauch, kürzere Produktionszeiten. Ein Paradebeispiel, wie tiefgreifend KI eingreifen kann – und wie viel Potenzial derzeit noch ungenutzt bleibt.
Von der Chefsache zur Überlebensfrage
Doch Technologie allein reicht nicht. „Wer KI nicht zur Chefsache macht, wird auf der Strecke bleiben“, warnt Bernd Jung von Strategy&.
Es gehe nicht um das nächste nette Tool, sondern um die Neudefinition industrieller Wertschöpfung. Vertrieb, Produktion, Wartung, Forschung – KI kann überall ansetzen. Aber nur, wenn sie tief in die Prozesse integriert wird.
Diese Erkenntnis setzt sich langsam durch – auch politisch. Bundeskanzler Scholz, Wirtschaftsminister Habeck und Forschungsminister Özdemir reichten sich auf der Hannover Messe demonstrativ die Hände.
Dass sie einem Siemens-Vorstand für ein KI-Tool gratulieren, hätte man sich vor wenigen Jahren kaum vorstellen können. Der Schulterschluss von Wirtschaft und Politik zeigt: Die Bedeutung der KI wird erkannt – jetzt müssen Taten folgen.
Die Karten werden neu gemischt
Noch ist der Maschinenbau kein KI-Paradies. Doch wer heute den Einstieg verpasst, wird morgen nicht mehr mitspielen. Microsoft, IBM und SAP liefern die Plattformen. Start-ups bringen frische Ideen. Und Siemens zeigt mit dem Industrial Copilot, wie das Zusammenspiel aus Mensch und Maschine praktisch aussehen kann.
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