Der Arzt, die KI und Microsofts großer Plan
Dr. Hal Baker wirkt nicht wie jemand, der Teil einer der größten Technologierevolutionen unserer Zeit ist. Er trägt Holzfällerhemd, spricht mit ruhiger Stimme und war früher Arzt in Pennsylvania. Heute steht er auf dem Microsoft-Campus in Redmond, Washington – und redet mit einer KI über fiktive Blutzuckerwerte.
Die Szene wirkt unspektakulär, fast banal. Doch im Hintergrund läuft Hochtechnologie: Ein KI-Assistent namens „Dragon Copilot“ erstellt automatisch Gesprächsprotokolle, erkennt Wechselwirkungen bei Medikamenten, schlägt Behandlungen vor. Was früher Minuten oder Stunden dauerte, erledigt die Software in Echtzeit.
Das System ist Teil einer neuen Produktfamilie, die Microsoft aktuell in rascher Folge auf den Markt bringt. Für viele Kunden bedeutet das: weniger Software-Suche, weniger Integration, weniger Risiko. Alles kommt aus einer Hand – Cloud, Chips, Geräte, Betriebssystem. Die neue Microsoft-Welt ist kompakt, integriert, geschlossen.
Der stille Konzernumbau
Im Zentrum dieser Neuausrichtung steht ein Mann, der so gar nicht zum Silicon-Valley-Klischee passt: Satya Nadella, 57, seit 2014 CEO. Er ist keiner, der große Bühnen liebt. Und gerade deshalb konnte er fast unbemerkt ein Unternehmen umkrempeln, das vielen als unbeweglich galt.
Als Nadella übernahm, war Microsoft ein Konzern in der Midlife-Crisis. Windows war kein Wachstumstreiber mehr, das Smartphone-Geschäft verkorkst, die internen Strukturen verkrustet. Nadella drehte alles auf links – aber nicht mit Showeffekten, sondern mit Substanz.
Er kappte Abhängigkeiten, setzte auf Partnerschaften, öffnete das Microsoft-Ökosystem für andere Plattformen – und positionierte die Cloud als neues Rückgrat. Entscheidend dabei: Er baute nicht auf bestehende Dominanz, sondern auf neue Relevanz.

Alles beginnt in Gebäude 34
Wer heute auf dem Campus in Redmond unterwegs ist, sieht: Das Microsoft von damals gibt es nicht mehr. Der ganze Hauptsitz wirkt wie eine Mischung aus Forschungslabor, Universität und Hightech-Dorf. Viel Glas, viel Holz, offene Räume – keine Spur mehr vom Image des dominanten Bürosoftware-Konzerns.
Das wichtigste Gebäude? Nummer 34. Hier sitzt Nadella. Kein Prestige-Bau, keine Glasfassaden, keine Security-Pose. Und doch ist dies der Ort, an dem der Konzern strategisch neu ausgerichtet wurde – still, kontrolliert, langfristig.
Von hier aus wurden Milliardeninvestitionen gesteuert: in eigene KI-Chips, eigene Rechenzentren, in Start-ups wie OpenAI oder die Übernahme von Nuance, einem Spezialisten für Sprach-KI. Parallel dazu wurde Azure, Microsofts Cloud-Plattform, zum Nervensystem des gesamten Angebots ausgebaut.
Der neue Microsoft-Konzern: Alles aus einer Hand
Für Unternehmen ist dieses Komplettpaket attraktiv – und das ist Absicht. Ein Krankenhaus wie WellSpan Health muss sich nicht mehr mit dutzenden einzelnen Tools herumschlagen. Die gesamte IT – von Infrastruktur bis Anwendung – kommt von Microsoft. So wird die Firma zum All-in-One-Partner für Entscheider in der Wirtschaft.
Das ist keine Kleinigkeit. Inzwischen schließt ein wachsender Teil der Kundschaft langfristige Verträge ab, die das gesamte IT-Budget über Jahre binden. Der Plan geht auf: Microsoft bindet Kunden nicht mehr über Monopole, sondern über Bequemlichkeit, Integration und Produktivität.
Die Folge: Das Unternehmen wächst wieder. Deutlich. Und zwar in einem Tempo, das an die besten Zeiten unter Bill Gates erinnert. Nur mit einem ganz anderen Fokus.
Die große Frage: Wer kontrolliert die Zukunft?
Doch es gibt auch kritische Fragen. Die wohl wichtigste: Macht sich Microsoft mit seiner engen Partnerschaft mit OpenAI zu abhängig?
Immerhin basieren viele neue KI-Produkte – vom Dragon Copilot bis zum Copilot in Office – auf Algorithmen aus San Francisco. Was passiert, wenn OpenAI eigene Wege geht?
Nadella bleibt gelassen. Er weiß, wie man Macht verteilt, ohne sie zu verlieren. Microsoft sei nicht nur Partner, sondern auch Investor. Und: Die Entwicklung eigener Modelle laufe längst. Sollte es nötig sein, kann Microsoft jederzeit umschalten. Aber solange es funktioniert, fährt man gemeinsam.
Hardware, Chips, Cloud – Microsoft denkt vertikal
Ein Blick in Gebäude 50 zeigt, wie ernst es Microsoft mit der Unabhängigkeit meint. Hier entwickelt das Unternehmen eigene KI-Chips – „Maia 100“, optimiert für Microsoft-Anwendungen, gefertigt von TSMC. Es ist ein stiller Wettlauf mit Nvidia, aber auf einem anderen Spielfeld: Microsoft will nicht alle bedienen, sondern sich selbst absichern.
Gleichzeitig wächst die Cloud-Infrastruktur rasant. 15 Milliarden Dollar hat Microsoft allein im letzten Quartal investiert, um neue Rechenzentren hochzuziehen. Die KI-Zukunft braucht Rechenleistung – und Microsoft will sie liefern. Schnell, sicher, kontrolliert.
Abschied von Windows – zumindest ein bisschen
Wer über den Campus geht, merkt schnell: Windows ist nicht mehr das Zentrum der Microsoft-Welt. Selbst im firmeneigenen Besucherzentrum gibt es keine Softwarepakete mehr zu kaufen. Stattdessen: KI-Laptops, Xbox-Merchandise, Azure-Demos.
Nur im Microsoft-Archiv, etwas versteckt am Rand des Geländes, erinnert noch vieles an die alte Zeit. Windows 98. Office 2003. Verpackungen in zehn Sprachen. Geschichte – nicht Gegenwart.
Die Philosophie: Lernen statt Wissen
Satya Nadella hat Microsoft nicht nur technologisch verändert, sondern auch kulturell. Aus einem Unternehmen voller interner Egos wurde ein Konzern, der zuhört. Der Fehler zulässt. Der sich permanent hinterfragt.
Seine Leitlinie an Mitarbeiter: „Sei kein Alleswisser. Sei ein Alles-Lerner.“ Es klingt simpel. Aber genau das hat den Konzern aus der Stagnation geführt. Microsoft war nie weg – aber jetzt ist es wieder vorn.
Und wer wissen will, warum das so ist, muss nicht in die Cloud schauen. Ein Besuch in Gebäude 34 reicht.