In deutschen Fitnessstudios sind immer häufiger Jugendliche anzutreffen, die mit Hanteln und Gewichten hantieren, um ihren Körper zu stählen. Angetrieben von Fitness-Influencern und Social-Media-Trends avanciert der muskulöse Körper zum Statussymbol. Doch dieser Drang nach dem perfekten Körper birgt Gefahren.
„Der Körper ist zum wichtigen Statussymbol, zur Visitenkarte geworden“, erklärt Sportsoziologe Thomas Alkemeyer. „Mit einem schlanken, durchtrainierten Körper zeige ich, dass ich Selbstdisziplin und mein Leben unter Kontrolle habe.“
Gerade in unsicheren Zeiten suchen Jugendliche nach Bereichen, die sie selbst gestalten können. Kraftsport bietet ihnen diese Möglichkeit, was das Selbstbewusstsein stärken kann.
Doch der Fokus auf den eigenen Körper kann auch Schattenseiten haben. „Allzu stark um sich selbst beziehungsweise den eigenen Körper zu kreisen, kann Vereinsamungstendenzen verstärken“, warnt Alkemeyer.
Einsamkeit sei ohnehin schon eines der zentralen Probleme unserer gegenwärtigen Gesellschaft, und das betrifft zunehmend auch Jugendliche.
Die Zahlen sprechen für sich: Laut der 2023 vorgestellten Datenerhebung „MOVE“ der Deutschen Sportjugend im Deutschen Olympischen Sportbund zählt Kraftsport inzwischen zu den am häufigsten ausgeübten Sportaktivitäten bei 13- bis 17-Jährigen.
29 Prozent der Jungen und 24 Prozent der Mädchen dieser Altersgruppe widmen sich in ihrer Freizeit dem Kraft- und Fitnesssport.

Experten wie Heinz Kleinöder von der Deutschen Sporthochschule Köln sehen den Trend ambivalent. „Mit viel Bewegung sollte man grundsätzlich so früh wie möglich anfangen.“ Korrekt ausgeübter Kraftsport könne die Stabilität erhöhen, die Knochendichte verbessern und die Motorik fördern.
Allerdings warnt er: „Wenn ich direkt mit hochintensivem Training loslege, obwohl mir die körperlichen Grundlagen fehlen, dann geht das schief.“ Gerade bei Jugendlichen könne dies zu Schäden an Rücken, Schultern und Gelenken führen.
Ein weiteres Risiko stellt der unbedachte Konsum von Proteinpräparaten dar. „Es ist gar kein Problem, sich ausreichend Protein über die Ernährung zu besorgen, über Quark zum Beispiel“, betont Kleinöder. Zudem sei oft unklar, welche potenziell gefährlichen Stoffe in Nahrungsergänzungsmitteln enthalten sind.
Besonders besorgniserregend ist das Phänomen der Muskeldysmorphie, auch bekannt als Muskelsucht oder Adonis-Komplex. Betroffene haben eine verzerrte Wahrnehmung ihres Körpers und fühlen sich trotz ausgeprägter Muskulatur als zu schmächtig.
Sie investieren exzessiv Zeit in Training und Ernährung, was zu sozialem Rückzug und gesundheitlichen Problemen führen kann. „Die Betroffenen haben eine verzerrte Körperwahrnehmung. Sie blicken in den Spiegel, haben stark ausgeprägte Muskeln und fühlen sich dennoch schmächtig“, erklärt Psychologin Luisa Frinter.
Um solchen Entwicklungen entgegenzuwirken, empfehlen Experten eine Kombination aus Kraft- und Mannschaftssportarten.
„Zwar trifft man auch im Fitnessstudio auf Gleichgesinnte, aber es dürfte sicher nicht schaden, den Kraftsport mit einer Mannschaftssportart zu kombinieren“, so Alkemeyer.
Dies fördere nicht nur die körperliche Gesundheit, sondern auch soziale Kompetenzen und das Gemeinschaftsgefühl.
Der Drang nach dem perfekten Körper kann Jugendliche in eine gefährliche Spirale führen. Es ist daher essenziell, sie für die Risiken zu sensibilisieren und ihnen gesunde Wege aufzuzeigen, wie sie ihren Körper stärken können, ohne dabei ihre physische und psychische Gesundheit aufs Spiel zu setzen.
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