Der MSCI World galt lange als Synonym für rationales Investieren. Ein Welt-ETF mit breiter Streuung – so die Vorstellung – sei die solide Lösung für alle, die keine Einzeltitel analysieren wollen.
Doch wer einmal in die Zahlen schaut, erkennt schnell: Rund 70 Prozent des Index entfallen auf Unternehmen aus den USA. Was sich lange ausgezahlt hat, wird nun für viele zur Wette auf ein Land, das ökonomisch wie politisch instabiler wirkt denn je.
Investoren beginnen, Amerika zu dosieren
Die Neuausrichtung kommt nicht über Nacht, aber sie ist da – schrittweise, nüchtern, ohne Panik.
„Wir beobachten ein wachsendes Interesse an breiter aufgestellten Indizes“, sagt Christian Röhl, Chefvolkswirt bei Scalable Capital.
„Viele ergänzen ihre bestehenden Sparpläne – oder tauschen sie gezielt aus.“ Besonders beliebt: sogenannte All Country-Indizes, die zusätzlich zu Industrieländern auch Schwellenländer abbilden. Ergebnis: Der US-Anteil schrumpft – im MSCI ACWI von 70 auf rund 62 Prozent.
Röhl sieht darin keinen Bruch mit dem Prinzip passiver Geldanlage, sondern eine Weiterentwicklung. „Die Welt ist genug – aber eben die ganze Welt, nicht nur die Wall Street.“
MSCI World bleibt Basis – doch Anleger kombinieren cleverer
Tatsächlich bleibt der MSCI World vielerorts in den Top 5 der beliebtesten Sparpläne, etwa bei Trade Republic, Comdirect oder Finanzen.net Zero. Doch daneben rücken neue Indexfonds auf.

Der Vanguard FTSE All-World ETF etwa – mit ähnlich breiter Streuung, aber leicht reduzierter US-Gewichtung. Oder der Xtrackers MSCI World ex USA – ein Weltfonds, der die Vereinigten Staaten komplett ausspart.
Seit Jahresbeginn sind rund 900 Millionen Euro in diesen Fonds geflossen. Die Gewichtung? Japan vorn, gefolgt von Großbritannien, Kanada, Frankreich, Deutschland und der Schweiz. Ideal für Anleger, die ihre Abhängigkeit von US-Tech reduzieren wollen, ohne gleich zu Einzelaktien greifen zu müssen.
Rohstoffe, Banken, Bau – Europa holt auf
Parallel entdecken viele Anleger den alten Kontinent neu. Besonders gefragt: ETFs auf den STOXX Europe 600 – breit diversifiziert, mit Fokus auf klassische Industrie, Finanzen und Konsum. Noch spezifischer greifen einige zu Branchenfonds: Banken, Bauunternehmen, Rohstofflieferanten.
„Das deutsche Schuldenpaket für Verteidigung und Infrastruktur sorgt für Fantasie – und Kapitalzuflüsse“, erklärt Sebastian Eppers von Finanzen.net Zero. Europa-ETFs stehen 2025 hoch im Kurs. Auch Deutschland selbst wird stärker gewichtet: DAX- und MDAX-ETFs verzeichnen zweistellige Zuflussraten.
Gold kehrt zurück – als Sicherheitsanker
Ein weiteres bemerkenswertes Phänomen: der neue Goldrausch. Der iShares Physical Gold ETC hat es in die Top 10 der meistbesparten Produkte geschafft – ein Sprung um acht Plätze gegenüber dem Vorquartal. Die Gründe: hohe Unsicherheit, geopolitische Spannungen und die Aussicht auf weiter volatile Märkte.
„Physisch hinterlegte Produkte mit Auslieferungsoption sind besonders gefragt“, sagt Röhl.
Und: Nach zwölf Monaten Haltedauer sind Gewinne steuerfrei. Seit Jahresbeginn sind 1,6 Milliarden Euro in den Gold-ETC geflossen – ein Rekord.
Der Trump-Faktor – Politik wird zum Risikotreiber
Neben ökonomischen Motiven spielt auch Politik eine Rolle. Die erratische US-Außen- und Handelspolitik unter Trump verunsichert Anleger weltweit.
Ein wiedergewählter Präsident Trump könnte Handelsabkommen aufkündigen, Strafzölle einführen, globale Lieferketten torpedieren. Diese Unsicherheit ist inzwischen im Depotverhalten spürbar.
Bei Comdirect etwa heißt es: „Unsere Kunden haben verstärkt US-Aktien verkauft und in europäische Titel umgeschichtet.“ Das betrifft nicht nur Einzelaktien, sondern zunehmend auch ETF-Sparpläne.
Evolution, kein Bruch
Trotz allem bleibt der MSCI World für viele die Basis. Doch das blinde Vertrauen in amerikanische Dominanz schwindet – und macht Platz für differenziertere Strategien. Die neue Generation ETF-Sparer kombiniert Weltindizes mit gezielten Ergänzungen: Emerging Markets, Europa, Gold. Sie streuen breiter, denken globaler – und reagieren gelassener auf politische Störgeräusche.
Eine Abkehr vom Amerika-Investment? Nein. Aber ein Umdenken – mit spürbaren Folgen.
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