ABB zwischen Zollpolitik und Marktvertrauen
Es sind eigentlich gute Nachrichten: ABB hat in den vergangenen Jahren vorausschauend investiert, seine US-Produktion lokalisiert und sich laut Verwaltungsratspräsident Peter Voser auf geopolitische Unwägbarkeiten eingestellt.
Doch während der Konzern in einem Interview mit der NZZ am Sonntag seine Widerstandskraft gegen neue US-Zölle betont, rutscht die Aktie am Montag an der Schweizer Börse um rund vier Prozent ab – auch wenn ein Teil davon auf den Dividendenabschlag von 0,90 Franken je Anteilsschein zurückzuführen ist.
Lokale Produktion als Antwort auf protektionistische Politik
Voser betont, dass die Investitionen in zwei Werke in Tennessee und Mississippi – rund 120 Millionen Dollar schwer – nicht etwa eine Reaktion auf die wirtschaftspolitischen Pläne Donald Trumps seien, sondern Teil einer langfristigen Strategie.
Die Weltwirtschaft, so Voser, sei längst multipolar geworden. Globale Konzerne wie ABB müssten heute nicht nur ihre Märkte, sondern auch ihre Lieferketten dezentral organisieren.
„Unsere Strategie richtet sich nicht nach Wahlzyklen, sondern nach Megatrends“, sagt Voser – und nennt Automatisierung, Energieeffizienz und Klimawandel als langfristige Treiber.
Globalisierung 2.0: Dezentral, pragmatisch, politisch
ABB verfolgt einen Kurs, den viele Industrieunternehmen derzeit einschlagen: mehr Unabhängigkeit durch Regionalisierung. Das bedeutet, Technologien vor Ort zu entwickeln, herzustellen und anzupassen – gerade in sensiblen Bereichen wie Energieinfrastruktur oder automatisierte Fertigung, wo geopolitische Interessen schnell in den Vordergrund rücken.

Besonders kritisch sei das, so Voser, bei „militärischen Themen“ oder Bereichen mit hoher staatlicher Einflussnahme, etwa bei Drohnentechnologie.
Diese pragmatische Entflechtung gilt mittlerweile als Standardrezept gegen Handelskonflikte – birgt aber auch Risiken: etwa steigende Produktionskosten, eingeschränkten Zugriff auf globale Innovationsnetzwerke oder zusätzliche Bürokratie durch fragmentierte Regularien. ABB sieht sich dem gewachsen – doch die Märkte sind vorsichtiger geworden.
Marktzugang als Wachstumsfrage – nicht nur für ABB
Der ABB-Chef denkt über den Tellerrand hinaus. In der multipolaren Welt von morgen, so Voser, wird Europa strategisch neu denken müssen. Besonders die Schweiz dürfe sich nicht abschotten.
Ohne geregelten Zugang zum EU-Binnenmarkt werde es „klare Verlierer geben“ – insbesondere die vielen kleinen und mittleren Unternehmen, die im Gegensatz zu Konzernen wie ABB nicht einfach Standorte verlagern können. „Die Politik muss endlich verstehen, wie entscheidend dieser Zugang ist.“
Gleichzeitig zeigt sich Voser optimistisch: Die in Deutschland und Europa bereitgestellten Milliarden für Industrie- und Klimainvestitionen könnten die Wettbewerbsfähigkeit Europas nachhaltig stärken. „Europa war immer eine Exportmaschine und ein Innovationsmotor – jetzt müssen wir wieder auf diese Stärken setzen.“
Warum die Börse trotzdem skeptisch ist
Trotz all der strategischen Weitsicht: Die Märkte bleiben nervös. Zum einen wegen der allgemeinen Schwäche im Technologiesektor, zum anderen wegen des mauen Ausblicks auf das globale Wachstum.
Investoren schauen derzeit genauer hin – und preisen geopolitische Unsicherheiten sowie Konjunktursorgen zunehmend in die Bewertung ein. Für ABB heißt das: Eine strategisch schlüssige Ausrichtung allein reicht nicht aus, um kurzfristige Volatilität an den Kapitalmärkten zu verhindern.
Ob sich Voser mit seiner Gelassenheit am Ende durchsetzt, wird sich nicht in Interviews, sondern in den nächsten Quartalszahlen entscheiden.
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