Ein Handelskrieg mit Lücken – aber nicht aus Versehen
Donald Trumps neueste Zollrunde ist ein geopolitisches Statement: China wird mit bis zu 54 Prozent Zoll belegt, EU-Produkte mit satten 20 Prozent. Nur zwei Länder scheinen glimpflich davonzukommen: Kanada und Mexiko.
Doch der Eindruck trügt. Denn die 25-Prozent-Zölle aus früheren Maßnahmen gelten weiterhin – und der Spielraum, sie auszubauen, ist fest eingeplant.
Der Zeitpunkt der Ankündigung – der sogenannte „Liberation Day“ im Weißen Haus – war bewusst gewählt. Und auch die Liste der Ausnahmen ist kein Zufall. Vielmehr handelt es sich um ein kalkuliertes Signal in Richtung Washingtons Nachbarn: Ihr seid nicht vergessen, aber noch nützlich.
Die Trump-Logik: Wer stillhält, wird später verhandelt
„Das ist kein Geschenk – das ist ein Pfand“, urteilt Chris Tang, Experte für globale Lieferketten an der UCLA. Denn obwohl Kanada und Mexiko am Mittwoch nicht im Fadenkreuz standen, bleibt ihre Position alles andere als sicher.
Trump habe sich ausdrücklich die Option offengehalten, auch USMCA-konforme Produkte künftig zu belegen. Das nordamerikanische Handelsabkommen aus dem Jahr 2020 – einst als „modernisiertes NAFTA“ gefeiert – wird so zur flexiblen Verhandlungsmasse degradiert.
Die White-House-Kommunikation ist entsprechend doppeldeutig: Zwar habe man derzeit keine neuen Maßnahmen gegen Kanada und Mexiko geplant, doch die bestehenden 25-Prozent-Zölle auf nicht-konforme Produkte – darunter Energie und Düngemittelbestandteile wie Kalium – bleiben bestehen. Alles andere sei „verhandelbar“.

Zölle als Waffe gegen Migration und Fentanyl-Schmuggel
Offiziell begründet das Weiße Haus die Haltung mit Sicherheitsfragen: Beide Nachbarländer täten nicht genug gegen illegale Migration und den Drogenschmuggel.
Diese Argumentation erinnert an Trumps erste Amtszeit, in der Handelspolitik regelmäßig als Hebel zur Durchsetzung innenpolitischer Ziele genutzt wurde – auch jenseits der WTO-Regeln.
Mexiko, das 2024 fast eine Billion US-Dollar Handelsvolumen mit den USA verzeichnete, reagiert zunehmend genervt. Vor allem die Grenzregionen, allen voran Texas, leiden unter den wirtschaftlichen Verwerfungen. Ganze Lieferketten hängen an funktionierendem Grenzverkehr – jede Unklarheit wirkt sich auf Beschäftigung, Preise und Logistik aus.
„Es ist alles miteinander verwoben“, warnt Margaret Kidd, Professorin für Logistik und Lieferkettenmanagement an der University of Houston. Strafzölle auf mexikanische Produkte wirken wie ein toxischer Tropfen in ein fragiles System.
Kanada und Mexiko: Freunde oder Faustpfand?
Dass Kanada und Mexiko bislang von den härtesten Maßnahmen verschont bleiben, kann auch als diplomatische Geste gelesen werden – oder als taktische Zurückhaltung.
Denn anders als bei China oder der EU sind die ökonomischen Verflechtungen Nordamerikas viel enger. 2024 wurden über 80 Prozent aller mexikanischen Exporte in die USA geliefert, bei Kanada liegt der Anteil ebenfalls bei rund drei Vierteln.
„Unsere Volkswirtschaften sind eng miteinander verflochten“, sagt Tang. „Trump weiß das – und nutzt es gezielt.“
Die Ausnahmeregelung für USMCA-konforme Produkte sei temporär. Die Drohung bleibt im Raum.
Die Verhandlungsmasse wächst
Sollten die USA tatsächlich versuchen, USMCA-Vereinbarungen einseitig aufzuweichen, droht ein Zerfall des nordamerikanischen Handelsraums. Die wirtschaftlichen Folgen wären gewaltig – vor allem für mittelständische Unternehmen, die in grenzüberschreitenden Lieferketten arbeiten.
Und doch ist es nicht auszuschließen. Denn Trump denkt in Deals, nicht in Regeln. Handelsabkommen sind für ihn Werkzeuge, nicht Werte. Wenn sich ein taktischer Vorteil ergibt, könnte der nächste Zollschlag nur eine Frage der Gelegenheit sein.
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