05. April, 2025

Unternehmen

Siemens Milliardenübernahme zielt auf Zukunftsmedizin

Der Münchner Industriekonzern übernimmt für 5,1 Milliarden Dollar das US-Unternehmen Dotmatics – ein führender Anbieter von Life-Sciences-Software. Damit rückt Siemens näher an die lukrative Welt der KI-gestützten Medikamentenentwicklung.

Siemens Milliardenübernahme zielt auf Zukunftsmedizin
Der Konzern setzt bei seiner Wachstumsstrategie zunehmend auf Softwarelösungen und digitale Märkte – Dotmatics ist der bisher teuerste Schritt in diese Richtung.

Software statt Schraubenzieher

Siemens wagt den nächsten Schritt in Richtung digitaler Biotechnologie. Mit dem Zukauf des US-Unternehmens Dotmatics für umgerechnet rund 4,7 Milliarden Euro (5,1 Milliarden Dollar) erweitert der Industriekonzern sein Portfolio in einem Bereich, der bislang kaum zur Siemens-DNA gehörte: der molekularen Arzneimittelentwicklung.

Die Übernahme markiert einen Kurswechsel, der längst begonnen hat – weg vom klassischen Maschinenbau, hin zur hochspezialisierten Industriesoftware. Vor allem im Bereich Life Sciences, wo Datenanalyse, Automatisierung und künstliche Intelligenz inzwischen zentrale Rollen spielen, sieht Siemens enormes Potenzial.

Ein Milliardenmarkt auf Wachstumskurs

Dotmatics hat sich in den letzten Jahren still, aber wirkungsvoll an die Spitze der digitalen Laborlösungen gearbeitet. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Boston entwickelt Softwareplattformen, mit denen Pharma- und Biotechfirmen ihre Forschung strukturieren, vernetzen und automatisieren können – von der ersten Zelllinie bis zum marktfertigen Medikament.

Quelle: Eulerpool

Siemens beziffert den dadurch erschlossenen neuen Zielmarkt auf 11 Milliarden US-Dollar – zusätzlich zum bereits adressierten Geschäft mit Industriesoftware. Für CEO Roland Busch ist die Richtung klar:

„Mit Dotmatics stärken wir unsere strategische Position in einem Schlüsselbereich der Zukunft.“

Und tatsächlich: Die Life-Sciences-Branche erlebt seit Jahren einen Daten-Boom. Immer größere Moleküldatenbanken, Automatisierung in der Wirkstoffforschung, der Siegeszug der KI in der Molekülsimulation – all das verlangt nach spezialisierten Softwarelösungen. Hier will Siemens nun ein entscheidendes Wort mitreden.

Ein strategischer Griff – aber kein Selbstläufer

Der Preis: 5,1 Milliarden Dollar. Das ist ambitioniert, aber nicht überzogen. Dotmatics zählt weltweit zu den führenden Plattformanbietern in seinem Segment und bringt nicht nur eine breite Kundenbasis, sondern auch ein erfahrenes Entwicklerteam mit.

Der Verkäufer, der Private-Equity-Investor Insight Partners, dürfte sich über die satte Rendite freuen – Siemens hingegen über einen funktionierenden Wachstumsmotor in einem Hochmargensegment.

Doch wie wird die Übernahme finanziert? Hier wird es delikat: Laut Finanzvorstand Ralf Thomas soll das Geld größtenteils aus dem Verkauf von Beteiligungen kommen – unter anderem auch aus Anteilen an der eigenen Medizintechniktochter Siemens Healthineers.

Ein Signal, das man auch kritisch lesen kann. Denn es bedeutet: Siemens trennt sich teilweise von bereits profitablen Assets, um sich auf ein riskanteres, aber wachstumsstärkeres Feld zu fokussieren. Das mag strategisch sinnvoll sein – ist aber auch ein Wagnis.

Financial Results
Siemens AG Q1 FY25 financial results reveal promising performance, showcasing positive momentum in the company’s first quarter earnings report.

Investorenszene bleibt gelassen – vorerst

Die Siemens-Aktie reagierte im nachbörslichen Handel kaum auf die Nachricht, stieg um 0,09 Prozent auf 215,30 Euro. Das zeigt: Die Anleger werten den Deal nicht als überteuert oder überstürzt.

Dennoch bleibt die Frage, wie gut die Integration gelingen wird – und ob sich der neue Markt wirklich so zügig erschließen lässt, wie Siemens hofft.

Ein Blick auf frühere Akquisitionen zeigt: Der Konzern hat Erfahrung im Einkauf strategischer Softwarehäuser. Doch der Life-Sciences-Bereich ist Neuland. Hier ticken die Uhren anders. Die Kunden – Biotechfirmen, Pharmariesen, Forschungseinrichtungen – denken nicht in Produktionszyklen, sondern in klinischen Studien, regulatorischen Hürden und enormen Entwicklungszeiten.

Ein Symbol für Siemens digitalen Umbau

Die Dotmatics-Übernahme ist nicht nur eine Investition in einen neuen Markt, sie ist auch ein symbolischer Schritt. Siemens will nicht länger nur Enabler der Industrie sein – sondern aktiver Gestalter digitaler Ökosysteme. Das beginnt bei der Fertigungstechnik, geht über Automatisierung – und endet nun bei der Moleküldatenanalyse.

Ob der Plan aufgeht, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Sicher ist: Siemens positioniert sich dort, wo die Schnittstellen zwischen Biotechnologie, Softwareentwicklung und künstlicher Intelligenz verschmelzen. Ein Markt, der nicht nur enormes Potenzial birgt, sondern auch neue Risiken.

Wer wachsen will, muss sich manchmal vom Altbewährten lösen. Siemens tut genau das – und setzt dabei auf digitale Moleküle statt Kupferspulen.

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