Ein Signal aus Washington – und die Preise in Ulm wackeln
Es braucht keine neuen Katastrophenmeldungen, um Ralph Beranek nervös zu machen. Ein einziges politisches Dokument reicht.
Genauer: eine vorläufige EU-Zollliste als Reaktion auf neue US-Handelsbarrieren. Auf ihr stehen: Mandeln, Walnüsse, Erdnüsse. Produkte, mit denen Seeberger groß geworden ist. Produkte, die bald zur politischen Verhandlungsmasse gehören – mit ungewissem Preisetikett.
„Solche Zölle können wir unmöglich wegstecken“, sagt Beranek, seit fast drei Jahrzehnten Co-Geschäftsführer der Seeberger GmbH.
Der Handelsstreit zwischen Washington und Brüssel trifft das Unternehmen dort, wo es am empfindlichsten ist: bei globalen Lieferketten, engen Margen – und dem Anspruch, Premiumqualität konstant zu liefern. „Wenn das kommt, reden wir nicht über theoretische Risiken, sondern über unmittelbare Preiswirkungen.“
Nüsse aus Kalifornien – und das Problem mit der Alternativlosigkeit
Kaum ein Produkt steht so exemplarisch für die globale Verflechtung von Landwirtschaft und Handel wie die Mandel. 80 Prozent der weltweiten Ernte stammen aus Kalifornien – effizient produziert, hochqualitativ, stabil verfügbar. Genau deshalb ist sie seit Jahren fester Bestandteil im Seeberger-Sortiment.
Das Problem: Es gibt kaum gleichwertige Alternativen.
„Wir haben zwar kein einziges Produkt, das wir ausschließlich aus den USA beziehen“, sagt Beranek, „aber bei vielen Sorten ist der US-Anteil signifikant.“
Und einfach umsteigen? Kaum möglich. Wer bei Seeberger Lieferant werden will, braucht Geduld – drei Jahre Qualifizierungsprozess sind die Regel. Schließlich will das Unternehmen nur die besten 10 Prozent einer Ernte – nach Größe, Farbe, Bruchanteil und Geschmack selektiert.

Wenn Politik schneller ist als Logistik
Die größte Sorge: Der Zeitfaktor. „Die Zölle können über Nacht kommen – selbst für Ware, die bereits unterwegs ist“, so Beranek. Das bedeutet: Container, die bereits auf dem Atlantik sind, würden plötzlich mit einem Preisaufschlag ankommen – ohne dass Seeberger oder der Handel zeitnah reagieren könnten. „Preisanpassungen brauchen Monate. Die Zölle treffen sofort.“
Für ein Unternehmen, das auf hohe Planungssicherheit angewiesen ist – und gleichzeitig empfindlich auf Preissignale am Point of Sale reagieren muss –, ist das Gift. Denn die Marge ist im Nussgeschäft ohnehin dünn. „Sehr vorsichtig gesagt: Da ist nicht viel Luft“, meint Beranek.
Klimarisiken, Ernteausfälle, Transportprobleme
Der US-Handelsstreit ist nicht die einzige Baustelle. Seeberger sieht sich als international vernetzter Rohwarenkäufer einem permanenten Risikospiel ausgesetzt: Dürren, Flutereignisse, volatile Agrarpreise – und immer häufiger: politische Konflikte. Der Krieg in Israel verzögert etwa die Lieferung einer speziellen Erdnusssorte, die exklusiv dort wächst.
Was das für den Alltag heißt? „Höhere Sicherheitsbestände, mehr gebundenes Kapital, mehr Lagerfläche.“ Auch deshalb investiert das Unternehmen gerade rund 25 Millionen Euro in ein neues Hochregallager mit 20.000 zusätzlichen Palettenplätzen. Nicht aus Expansionslust, sondern um Unsicherheiten zu puffern.
Premium ohne Kompromiss – aber wie lange noch?
Seeberger steht für Qualitätsversprechen. Die Ulmer sortieren rigoros aus, wo andere noch abpacken. Das zahlt sich aus – bislang. Doch das Geschäftsmodell hat einen Preis: Es ist nicht flexibel in der Breite. Man kann nicht einfach von US- auf asiatische Ware umschwenken, ohne Qualitätsabstriche.
„Wenn die Ware nicht passt, kriege ich zehn Anrufe am Tag aus der Produktion“, sagt Beranek.
In der aktuellen Situation stellt sich die Frage: Wie lange lässt sich diese Strategie durchhalten? Für Beranek steht fest: „Gerade in Krisenzeiten dürfen wir nicht austauschbar werden.“ Wenn man bei der Qualität nachlasse, sei man nur noch eine von vielen Marken – austauschbar mit Handelsmarken, die günstiger sind und weniger hohe Standards haben.
Der Markt reagiert, der Kunde (noch) nicht
Trotz angespannter Weltlage wächst Seeberger. 2023 lag der Umsatz bei 314 Millionen Euro, ein Plus von sieben Prozent. Für 2024 dürfte das Wachstum sogar etwas höher ausfallen. Die Premiumstrategie wirkt – auch weil sich das Unternehmen aus dem engen Korsett des Lebensmitteleinzelhandels befreit hat: Heute verkauft Seeberger auch an Automaten, im Bordverkauf, in Hotels, im Kiosk.
Und: Die wachsende Nachfrage nach gesunden Snacks spielt dem Unternehmen in die Karten. Wo Nüsse früher als „fettig“ galten, sind sie heute mit Omega-3 und Proteinen positiv besetzt. „Nüsse sind nicht mehr Beilage – sie sind Lifestyle“, sagt Beranek.
Die Rechnung kommt trotzdem – und zwar bald
Doch auch der stabilste Kundenstamm wird Preiserhöhungen nicht auf Dauer mittragen. „Wir werden es 2025 nicht noch einmal schaffen, die Preissteigerungen komplett abzufedern“, kündigt Beranek an. Der Handel sei vorinformiert, die Verbraucher würden es bald merken. Noch sei unklar, wie stark die Aufschläge ausfielen – doch klar sei: Sie kommen.
Seeberger hofft nun auf politische Vernunft. Aber auch auf Resilienz – im Unternehmen, bei Lieferanten, im Markt. „Wir sind 180 Jahre alt. Wir haben schon viele Krisen überlebt“, sagt Beranek. Doch diesmal, das spürt man zwischen den Zeilen, ist es eine Krise mit besonderer Dynamik. Denn sie verläuft global, unberechenbar – und trifft direkt ins Herz des Geschäftsmodells.
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