28. März, 2025

Global

Putins Tanker tricksen Europa aus – und keiner stoppt sie

Trotz Ölpreisdeckel und Sanktionen floriert Russlands Schattenflotte. Der Westen schaut zu, während Schiffe mit gefälschten Papieren, abgeschaltetem GPS und ohne Versicherung Rohöl durch internationale Gewässer fahren. Die eigene Sanktionspolitik wirkt dabei oft selbstsabotierend.

Putins Tanker tricksen Europa aus – und keiner stoppt sie
207 russische Schattentanker im Einsatz – meist alt, oft unversichert, immer außerhalb der Kontrolle.

Ein havarierter Tanker vor Rügen

Die „Eventin“ treibt seit Januar manövrierunfähig vor der deutschen Ostseeküste. 274 Meter lang, 99.000 Tonnen Rohöl an Bord. Ein technischer Defekt, heißt es.

Doch was auf den ersten Blick wie ein Routinefall aussieht, entpuppt sich als Lehrstück darüber, wie der Kreml westliche Sanktionen umgeht – und warum Europa dabei immer wieder ins Leere greift.

Die „Eventin“ gehört mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Russlands sogenannter Schattenflotte: einem Netzwerk alter, schlecht gewarteter Tanker, die unter falscher Flagge fahren, ihre GPS-Signale abschalten und sich außerhalb jeder internationalen Rechenschaftspflicht bewegen.

Ziel: das Umgehen des G7-Ölpreisdeckels von 60 Dollar pro Fass. Ein Deckel, der auf dem Papier Druck erzeugen soll – in der Realität aber zunehmend verpufft.

84 Prozent des russischen Öls reist mit „Geistertankern“

Zahlen des finnischen CREA-Instituts zeigen, dass im Januar 84 Prozent der russischen Ölexporte über diese Schattenflotte abgewickelt wurden – Anfang 2024 waren es noch 64 Prozent.

Der Anteil steigt, ebenso wie die Anzahl der Tanker: 207 Schiffe dieser Art waren im Januar im Einsatz, viele davon über 30 Jahre alt, oft ohne Versicherung. Der Zustand dieser Tanker ist nicht nur ein sicherheitspolitisches, sondern auch ein ökologisches Risiko – wie jüngste Havarien vor Schottland und in der Ostsee zeigen.

Und dennoch: Die Flotte wächst weiter, und der Ölfluss aus Russland bleibt ungebrochen. Hauptabnehmer sind China, Indien, Brasilien und die Türkei. Allein China importierte im Januar russisches Rohöl im Wert von 4,3 Milliarden Euro.

Sanktionen auf dem Papier, Hintertüren in der Praxis

Die Idee hinter dem Preisdeckel war, Russland auf dem Weltmarkt zu halten, ohne Putins Kriegskasse zu füllen. Doch der Handel floriert – auch dank Schlupflöchern, die teils aus Europa selbst kommen.

Eine Studie der Brookings Institution zeigt: Über 50 % der Tanker, die heute Teil von Putins Schattenflotte sind, stammen ursprünglich aus westlichem Besitz – vor allem aus Griechenland. Verkauft wurde legal, obwohl die politische Lage bereits angespannt war.

Das Ergebnis: Während Brüssel neue Sanktionen verabschiedet, sichern europäische Reedereien mit ihren ausrangierten Schiffen Moskaus Einnahmen. Ein strukturierter Ausverkauf, der die Sanktionsarchitektur untergräbt – und den Westen erpressbar macht.

Ein Preisdeckel ohne Wirkung: Russland verdient mit Ölexporten weiterhin Milliarden – trotz Sanktionen.

Ship-to-Ship und Schattenregister

Der Trick ist nicht neu, aber in dieser Größenordnung beispiellos. Tanker auf hoher See koppeln sich an andere Schiffe, pumpen Öl um – ohne Hafen, ohne offiziellen Nachweis, mit wechselnden Flaggen und Besitzstrukturen. Oft registriert in Panama oder anderen Schattenregistern.

Wer hinter den Firmen steckt, ist kaum zu ermitteln. Strohmänner, Briefkastenfirmen, komplexe Holdingstrukturen machen eine effektive Verfolgung fast unmöglich.

Und obwohl Europa zusätzliche Sanktionen gegen Schiffe wie die „Eventin“ verhängt hat, sind die Mittel begrenzt. Häfen dürfen solchen Schiffen zwar Versorgung verweigern, aber ohne internationale Rückendeckung bleibt das Flickwerk.

Trump blockiert – und Kanada rennt gegen Wände

Ein weiterer Bremsklotz: die geopolitische Realität. Kanada schlug jüngst vor, eine internationale Taskforce zur Bekämpfung der Schattenflotte zu gründen – mit klaren Befugnissen zur Aufklärung und Durchsetzung. Doch Washington unter Trump blockierte.

Die USA zeigen wenig Interesse, Putin in diesem Bereich ernsthaft unter Druck zu setzen. Auch weil Musks Starlink-System – ausgerechnet – mitverantwortlich für die digitale Infrastruktur der Schattenflotte ist.

Milliarden für schwimmende Wracks – und sie zahlen sich aus

Laut Kyiv School of Economics hat Russland seit Kriegsbeginn rund zehn Milliarden Dollar in den Aufbau der Schattenflotte investiert. Eine enorme Summe – aber angesichts der monatlichen Einnahmen aus dem Ölgeschäft kein Minusgeschäft.

Im Januar kamen allein aus dem Export nach China und Indien fast dieselben Beträge wieder rein. Die „Geisterschiffe“ sind profitabel – für Moskau, für deren Betreiber, und zum Teil auch für ehemalige Eigentümer in Europa.

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