Der Rückflug ins Ungewisse
129.000 Menschen verließen Neuseeland allein im vergangenen Jahr – eine Zahl, die in keinem anderen wohlhabenden Land auch nur annähernd erreicht wird. Und das, obwohl viele davon ursprünglich hier geboren wurden.
Der Exodus trifft ein Land, das einst für seine Widerstandskraft, Lebensqualität und Innovationskraft gefeiert wurde. Doch der Mythos vom südlichen Inselparadies bröckelt – wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch.
Während das Land nach außen mit grünen Wiesen, Fjorden und Hobbit-Idylle wirbt, sieht die Realität zunehmend anders aus. Die Rezession, in der sich Neuseeland seit 2023 befindet, ist die tiefste seit 35 Jahren.
Die Wirtschaft schrumpfte zuletzt um 1,1 Prozent, die Arbeitslosigkeit liegt bei über fünf Prozent. Und das in einem Land, das sich noch vor Kurzem als wirtschaftliches Vorbild in der asiatisch-pazifischen Region inszenierte.
Australien lockt – mit Jobs und Lebensstandard
Dass so viele Neuseeländer gehen, ist doppelt bitter: Es sind nicht die Schwächsten, sondern vielfach gut ausgebildete, junge Fachkräfte, Akademiker, Unternehmer – also genau jene, auf die das Land in der Transformation dringend angewiesen wäre. Und sie gehen dorthin, wo die Versprechen noch eingelöst werden: nach Australien.
Dort ist das Pro-Kopf-BIP rund ein Drittel höher, die Städte größer, die Innovationslandschaft breiter.
Sydney, Melbourne oder Brisbane bieten nicht nur Jobs, sondern auch Karriereaussichten. Neuseeländer können ohne Visum in Australien leben und arbeiten – und tun das zunehmend auch. Jeder siebte Kiwi lebt bereits auf dem Nachbarkontinent.
Produktivität: Neuseelands Achillesferse
Der Absturz hat viele Ursachen, doch eine sticht besonders heraus: die seit Jahrzehnten chronisch schwache Produktivität. Während andere Länder in Digitalisierung, Forschung und Unternehmensgründungen investierten, hielt Neuseeland an seinem imagepolierten Agrarsektor fest und verpasste wichtige Weichenstellungen. Im internationalen Vergleich ist die Wirtschaftsleistung je Arbeitsstunde ernüchternd.

Ein OECD-Bericht spricht offen von einem „anhaltenden Innovationsdefizit“. Staat und Privatwirtschaft investieren zu wenig in Forschung und Entwicklung, die Zahl an Start-ups mit globaler Relevanz bleibt gering. Und die wenigen Talente, die diese Lücke füllen könnten, sind zunehmend außer Landes.
Absturz im Bildungssystem
Ein noch gravierenderes Alarmsignal kommt aus den Klassenzimmern. Beim internationalen Pisa-Vergleich hat Neuseeland seit den 2000ern massiv an Boden verloren.
In Mathematik reichte es nur noch für Platz 23 – ein tiefer Fall für ein Land, das einst als Bildungsprimus galt. Das Rektorat der University of Auckland spricht von einem „drastischen Einbruch des akademischen Niveaus in den MINT-Fächern“.
Die Konsequenz: Weniger qualifizierte Hochschulabsolventen, zu wenig Nachwuchs für forschungsintensive Branchen, sinkende Wettbewerbsfähigkeit. Eine toxische Mischung, die sich langfristig auf den gesamten Wohlstand auswirkt.
Ein Land auf Reformkurs
Immerhin: Die Regierung hat erkannt, dass es so nicht weitergeht. Neue Visa-Regeln sollen Investoren ins Land locken, ein Reformpaket soll den Kapitalzugang für Unternehmen erleichtern, die Wissenschaftslandschaft wird neu aufgestellt. In der Theorie ein mutiger Kurswechsel – in der Praxis wird es Jahre brauchen, bis erste Ergebnisse spürbar sind.
OECD-Ökonom David Haugh sieht Licht und Schatten zugleich: „Die Richtung stimmt, aber die Probleme sind strukturell tief verwurzelt. Der demografische Exodus und die schwache Innovationskraft lassen sich nicht mit PR-Kampagnen umdrehen.“
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