Das politische Beben, das Paris erschüttert
Marine Le Pen hatte beste Chancen, 2027 endlich das Amt zu erreichen, das ihr Vater nie bekommen hat. Die Umfragen sprachen für sie, das Momentum lag bei ihr – bis zum Montagmittag. Das Urteil, das sie vom Präsidentschaftsrennen ausschließt, ist juristisch schwerwiegend, politisch jedoch explosiv.
Vier Jahre Haft, davon zwei mit elektronischer Fußfessel, und – viel entscheidender – fünf Jahre Verlust des passiven Wahlrechts. Für Le Pen ist das eine doppelte Niederlage: politisch und persönlich. Es ist das abrupte Ende ihrer vierten Kandidatur – und womöglich das Ende ihrer Karriere als Spitzenkandidatin überhaupt.
Doch Le Pen spielt nicht auf Rückzug, sondern auf Konfrontation.
Die Märtyrerin gibt den Ton an
Noch am selben Abend inszeniert sie sich im Fernsehen als Opfer einer „richterlichen Tyrannei“. Statt Größe zu zeigen, attackiert sie die Justiz – ein Muster, das viele in Frankreich an den Front National der alten Tage erinnert. Dabei wäre genau jetzt der Moment für einen strategischen Übergang gewesen.
Le Pen hätte den Parteivorsitz abgeben und Parteichef Jordan Bardella offiziell als neuen Präsidentschaftskandidaten positionieren können. Das hätte sie nicht nur staatsmännisch wirken lassen, sondern auch das Narrativ kontrolliert: vom Opfer zur Gestalterin des Übergangs.
Doch sie entschied sich dagegen – und verschenkte eine historische Gelegenheit.
Eine Richterin im Fadenkreuz – und die Radikalisierung der Rhetorik
Die öffentliche Diffamierung des Gerichts hat Folgen: Die zuständige Richterin erhält Morddrohungen, Politiker sprechen von „unverantwortlicher Eskalation“. Dabei ist die Beweislage laut Experten solide.
Es ging nicht um politische Verfolgung, sondern um missbräuchliche Verwendung von EU-Geldern für Parteizwecke – ein Vorwurf, der längst nicht neu ist.
Le Pen, einst selbst Mitautorin des Gesetzes, das nun gegen sie greift, verheddert sich in der eigenen Vergangenheit. Und das Narrativ vom „System“, das die RN kleinhalten wolle, zeigt, wie tief sich populistische Rhetorik in der Partei verfestigt hat.
Jordan Bardella – der Kandidat, der keiner sein darf
Bardella ist jung, mediengewandt und unbelastet vom Familiennamen Le Pen. In Umfragen hat er längst bessere Werte als seine politische Ziehmutter. Doch statt ihn aufzubauen, klammert sich Le Pen an das Mikrophon – obwohl sie juristisch kaum noch Handlungsspielraum hat.

Selbst wenn ein Berufungsverfahren angestrengt wird, dürfte es nicht rechtzeitig abgeschlossen sein. Und auf ein Wunder im Justizapparat zu hoffen, wirkt angesichts der Beweislage eher wie Wunschdenken als Strategie.
Ein Machtwechsel, der keiner ist – mit Risiken für die RN
Die eigentliche Überraschung war also nicht das Urteil – sondern die Tatsache, dass Marine Le Pen es nicht als Auftakt zur Staffelstabübergabe nutzte. Für viele Franzosen hätte dieser Schritt ein Signal sein können: Die RN ist mehr als eine Familienmarke. Doch das Signal blieb aus.
Damit verpasst die Partei eine Chance, sich institutionell breiter und demokratischer aufzustellen. Gleichzeitig birgt die Personalie Bardella Risiken: mangelnde außenpolitische Erfahrung, Zweifel an der Eignung, fehlende Führungserfahrung. Vor allem die bürgerliche Mitte – nötig für einen Wahlsieg in Runde zwei – könnte daran Anstoß nehmen.
Le Pens Angriff auf die Justiz ist ein Angriff auf ihre eigene Zukunft
Mit dem Versuch, das Urteil politisch umzudeuten, destabilisiert Marine Le Pen nicht nur das Vertrauen in den Rechtsstaat – sie gefährdet auch die Glaubwürdigkeit ihrer Partei als seriöse Regierungsalternative. In einem Moment, der strategisch hätte genutzt werden können, entschied sie sich für Eskalation statt Verantwortung.
Ob sie damit ihre Wähler mobilisiert – oder verunsichert – wird sich zeigen. Sicher ist nur: Der Weg zum Élysée ist für Le Pen versperrt. Und der Rückweg in die politische Mitte wird für die RN nach diesem Tag deutlich steiniger.
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