Die Idee wirkt auf den ersten Blick wie ein Rückschritt ins fossile Zeitalter: Ausgerechnet Kohlekraftwerke sollen helfen, die Strompreise in Deutschland zu stabilisieren. Doch die neue Regierungskoalition sieht in den stillgelegten Meilern kein Klimarisiko, sondern eine wirtschaftspolitische Chance – als begrenzte Reserve, gezielt einsetzbar bei Preisspitzen. Der Vorschlag ist brisant. Aber auch clever.
Das Problem: Strompreise, die durch die Decke gehen
Wenn sich die Industrieproduktion nach dem Wetter richtet, läuft etwas schief. Und genau das ist Realität geworden. An windstillen Wintertagen mit wenig Sonne schnellen die Strompreise kurzfristig auf über 900 Euro pro Megawattstunde – ein Vielfaches des Normalniveaus. Unternehmen schalten Maschinen ab, Verbraucher reagieren mit Angst. Das Vertrauen in die Energiewende leidet.
Gleichzeitig stehen in Deutschland Kraftwerke mit über acht Gigawatt Leistung betriebsbereit in der Reserve – und dürfen nicht am Markt teilnehmen. Hauptsächlich Kohlekraftwerke, wegen der Klimaziele aus dem Spiel genommen, aber technisch voll funktionstüchtig und durch die Netzagentur zum Bereitschaftsdienst verpflichtet.
Diese stille Reserve will die Regierung nun aktivieren – nicht permanent, sondern punktuell. Immer dann, wenn der Strompreis an der Börse über ein politisch definiertes Limit hinausgeht.
Der Vorschlag: Einsatz bei Preisalarm
Der Essener Kraftwerksbetreiber Steag hat das Modell vorgerechnet. Bei einem Börsenstrompreis von etwa 400 Euro/MWh würde der zeitlich begrenzte Einsatz von sechs Gigawatt Kohlekraft das Preisniveau fast halbieren. Die Folge: Weniger Belastung für Industrie und Verbraucher, weniger Eingriffe der Netzbetreiber – und letztlich niedrigere Netzentgelte.

Der Vorschlag sieht eine Kopplung an Preisschwellen vor. Überschreitet der Markt diese Schwelle, dürfen die Reservekraftwerke Strom liefern – und so das Angebot erhöhen. Eine Preisdämpfung durch gezielte Kapazitätsfreigabe.
Der politische Konsens: Überraschend stabil
Im Entwurf des Koalitionsvertrags ist der Mechanismus bereits verankert – nicht als Prüfauftrag, sondern als klare Maßnahme. CDU/CSU und SPD wollen „Reservekraftwerke nicht nur zur Vermeidung von Engpässen, sondern auch zur Stabilisierung des Strompreises“ einsetzen.
Ziel ist eine Entlastung von mindestens fünf Cent pro Kilowattstunde – schnell, spürbar, bezahlbar. Die bisherigen Ideen – Senkung der Stromsteuer, Zuschuss zu den Netzentgelten – gelten als teuer und ineffizient. Die Kohle-Reserve dagegen ist vorhanden, bezahlt und technisch einsatzbereit.
Die Kritik: Rückfall in alte Muster?
Umweltschützer und einige Wettbewerber schlagen Alarm. RWE-Chef Markus Krebber warnte jüngst davor, Preisspitzen künstlich zu kappen. Denn sie seien „ein Investitionssignal“ – für Speicher, Gaskraftwerke, flexible Verbraucher. Wer diese Signale eliminiert, gefährde den Umbau der Energieinfrastruktur.
Doch Steag kontert: Speicherprojekte erleben derzeit ohnehin einen Antragsboom – nicht trotz, sondern wegen der Preisvolatilität. Und: Batteriespeicher reichen in Dunkelflauten kaum aus. Sie liefern oft nur für zwei bis vier Stunden Strom – Kohlekraftwerke könnten tageweise durchhalten.
Außerdem sollen die Einsätze eng begrenzt bleiben. 2023 etwa wäre die Eintrittsschwelle von 150 Euro/MWh an lediglich zwölf Tagen überschritten worden. Eine Dauerlösung? Nein. Aber eine Übergangslösung mit Wirkung.
Was auf dem Spiel steht
Der Vorstoß trifft einen wunden Punkt der deutschen Energiewende: ihre Kosten. Während Frankreich mit staatlich gedeckelten Atomstrompreisen plant, jongliert Deutschland mit schwankenden Börsenpreisen und Investitionsanreizen. Das Prinzip „Markt regelt“ stößt an Grenzen, wenn es zur Verlagerung ganzer Industriezweige führt.
Die Kohlereserve könnte helfen, diese Lücke zu überbrücken – ohne das Klimaziel zu verraten. Die Anlagen müssen weiterhin Emissionszertifikate kaufen, was ihren Einsatz teuer macht und selten hält. Und sobald genug steuerbare Gaskraftwerke und Speicher am Netz sind, endet ihr Einsatz. Das ist der Plan – und seine politische Legitimierung steht bereits im Koalitionsentwurf.
Brückentechnologie reloaded
Der Begriff der „Brückentechnologie“ ist in Deutschland verbrannt – zu oft missbraucht, zu selten beendet. Doch in diesem Fall könnte das Konzept funktionieren: Eine befristete Rückkehr fossiler Kapazitäten, gezielt zur Preisdämpfung in einem dysfunktionalen Markt.
Das mag paradox klingen. Aber in einem Stromsystem, das zunehmend wettergesteuert ist, kann ein wenig Steuerbarkeit den Unterschied machen – zwischen einer funktionierenden Industrie und einem deindustrialisierten Standort.
Wenn das Ziel ist, den Strompreis zu senken, ohne die Energiewende zu untergraben, dann verdient dieser Vorschlag mehr als einen ideologischen Reflex. Er verdient eine nüchterne Prüfung – und vielleicht eine Chance.
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