Technologie statt Panzerparität
Während in Berlin noch über schwere Waffen diskutiert wird, rechnen andere längst in Flugstunden und Algorithmen. „Die Debatte läuft wie im Kalten Krieg“, sagt Gundbert Scherf, Co-Chef des Münchner Rüstungs-Startups Helsing.
Gemeint ist: Deutschland zählt noch Panzer, während moderne Konflikte längst anders geführt werden – schnell, elektronisch, asymmetrisch.
Scherfs Gegenentwurf: ein „Drohnenwall“ an der NATO-Ostflanke. Zehntausende KI-gesteuerte Kampfdrohnen, kombiniert mit Aufklärungsnetzwerken aus Satelliten und unbemannten Systemen. Ein digitales Sperrfeuer, das menschliches Leben schützt und militärische Macht neu definiert.
Ein Jahr bis zur Einsatzbereitschaft – sagt die Industrie
Was wie Science-Fiction klingt, ist technisch machbar – und laut Helsing schneller realisierbar als viele glauben. Innerhalb eines Jahres, so Scherf, sei ein funktionierendes Abschreckungssystem auf Drohnenbasis aufbaubar.
Erste Fabriken stehen, weitere folgen. Die Komponenten: Aufklärungsdrohnen, KI-Waffen wie die HX-2 und Satellitenverbindungen über Loft Orbital.
„Das ist keine abstrakte Skizze. Wir reden von realen Produktionslinien“, sagt ein Brancheninsider gegenüber InvestmentWeek.
Hinter Helsing stehen erfahrene Technologiefirmen, Ex-Militärs, Risikokapital – und eine Überzeugung: Die klassische Kriegsführung ist überholt
HX-2: Klein, billig, tödlich – und lernfähig
Das Herzstück des geplanten Drohnenwalls ist die HX-2, eine lernfähige KI-Drohne mit bis zu 100 Kilometern Reichweite. Entwickelt für den Ukraine-Einsatz, navigiert sie ohne GPS, erkennt Gelände mithilfe von Bordkameras und Kartenmaterial und lenkt Sprengsätze präzise ins Ziel – Artillerie, Fahrzeuge, Infrastruktur.

Die Drohne ist ein typisches asymmetrisches System: Sie zerstört Ziele, die ein Vielfaches ihres Werts kosten. Ein Panzer für drei Millionen Euro – ausgeschaltet mit einer Drohne für wenige Tausend. Das Verhältnis ist militärisch wie wirtschaftlich hocheffizient.
Drohnen statt Minen – Abschreckung neu gedacht
Helsing verfolgt dabei ein strategisch radikales Konzept: Drohnen ersetzen nicht nur schwere Waffen, sondern auch ganze Verteidigungssysteme.
„Wir brauchen keine Minensperren mehr. Eine KI-Drohne unterscheidet selbstständig zwischen Freund und Feind“, sagt Scherf.
Das Ziel: Gegner stoppen, eigene Truppen passieren lassen – ohne manuelle Steuerung, aber mit finaler menschlicher Kontrolle. Im Fachjargon: Navigation, Detektion, Mission Execution. Jeder Schuss wird autorisiert – aber der Weg zum Ziel ist vollständig automatisiert.
Politik unter Zugzwang
Die politische Debatte hinkt hinterher. Zwar wurde der Einsatz bewaffneter Drohnen in Deutschland nach jahrelangem Zögern freigegeben. Doch real umgesetzt wurde wenig.
Auch drei Jahre nach der „Zeitenwende“-Rede ist der Stand ernüchternd: Kein eigenes Drohnensystem im Einsatz, keine klaren Produktionskapazitäten, keine nationale Strategie.
Gleichzeitig zeigen Erfahrungen aus der Ukraine, wie schnell konventionelle Systeme an ihre Grenzen stoßen – und wie stark der Faktor Zeit in modernen Konflikten geworden ist. Die Industrie macht Druck. Die Forschung liefert. Die Politik – zögert.
Europa erwacht – Baltikum denkt schon an Drohnenkorridore
In Litauen, Lettland und Estland wird der Drohnenwall längst ernsthaft geprüft. Dort, wo russische Truppen am ehesten vermutet werden, entstehen erste Testfelder. Auch in Schweden und Finnland laufen Planungen – nicht zentral, aber dezentral, aus Verteidigungsnetzwerken heraus, die schneller agieren als viele nationale Regierungen.
Das strategische Ziel: kein Gegenschlag, sondern präventive Präsenz. Der Drohnenwall soll nicht angreifen, sondern abschrecken. Und das durch Masse: Wie beim „Iron Dome“ in Israel soll ein dichter technischer Schild Gegner zur Umkehr zwingen, bevor sie überhaupt eingreifen.
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