Keine Ausflüchte mehr
Lip-Bu Tan beginnt seine Amtszeit als Intel-Chef mit einem ungewöhnlich offenen Eingeständnis. Statt Durchhalteparolen liefert er eine Diagnose – und kündigt eine radikale Therapie an.

Die Aufholjagd im KI-Zeitalter hat begonnen. Und Tan lässt keinen Zweifel daran: Sie wird schmerzhaft.
„Es hat mich traurig gemacht zu sehen, wo das Unternehmen jetzt steht.“
Was Intel verloren hat
Der einstige Weltmarktführer ist längst abgehängt. Intel-Chips sind in Rechenzentren kaum noch konkurrenzfähig, im GPU-Geschäft dominiert Nvidia, bei mobilen Prozessoren hat Arm die Nase vorn.
Die Serverkunden laufen davon, weil die Produktentwicklung stockt. Interne Strukturprobleme, schwache Fertigung – und zu wenig Tempo bei KI. Das alles ist keine neue Erkenntnis. Aber zum ersten Mal nennt es ein CEO öffentlich.
Ein Ingenieur als Brückenbauer
Tan will das Ruder herumreißen. Die Basis: technisches Know-how. Kein PR-getriebenes Rebranding, kein Milliarden-Merger. Sondern: Zurück zu den Wurzeln.
„Wir brauchen die besten Ingenieure zurück“, sagt Tan.
Ein Konzern, der Technologie verkauft, müsse technologisch wieder vorne sein – so simpel, so schwer.
Foundry bleibt, Fantasie fehlt
Trotz aller Spekulationen bleibt Intel im Geschäft mit der Auftragsfertigung. Es war das Prestigeprojekt von Vorgänger Pat Gelsinger – und zugleich ein Milliardenloch.
Analysten hatten gehofft, Tan werde den Bereich abspalten oder verkaufen. Doch Tan setzt auf Kontinuität: „Ich bin entschlossen, eine großartige Foundry aufzubauen.“
An der Börse kommt das schlecht an. Der Intel-Kurs rutscht nach der Ansprache leicht ab. Die Botschaft: Das Rad wird nicht neu erfunden – jedenfalls nicht sofort.
KI soll Intels Rettung werden
Wenig überraschend setzt Tan auf künstliche Intelligenz. „KI wird das neue Rückgrat des Unternehmens“, heißt es. Intel will künftig nicht nur Standardchips liefern, sondern auch maßgeschneiderte KI-Lösungen für Großkunden entwickeln – ein klarer Seitenhieb auf Nvidia, die aktuell praktisch den gesamten Markt für KI-Hardware kontrollieren.
Doch der Aufholbedarf ist enorm. Allein im Jahr 2024 hat Intel Milliardenverluste eingefahren. Die Fertigung hinkt, die Schulden wachsen. Und mit dem Werk in Magdeburg – ursprünglich als Symbol für den Industrie-Standort Deutschland gedacht – geht es ebenfalls nicht voran. Der Baustart ist frühestens 2026 zu erwarten.
Ein CEO mit Mission – aber ohne Zeit
Lip-Bu Tan, 65, ist kein klassischer Krisenmanager. Sondern ein Branchenveteran, der schon einmal bewiesen hat, wie man ein Tech-Unternehmen auf Kurs bringt. Bei Cadence Design Systems hat er den Börsenwert in einem Jahrzehnt vervielfacht. Tan ist gut vernetzt, in der Chipwelt hoch angesehen – aber auch: nicht mehr am Anfang seiner Karriere.
„Ich bleibe, solange es nötig ist“, sagt er. Es klingt wie ein Schwur – und gleichzeitig wie ein Hinweis darauf, dass er nicht ewig Zeit hat, die Wende zu schaffen.
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