Imamoglu sitzt – doch er bleibt die größte Bedrohung für Erdogan
Der Mann, den das türkische Regime kaltstellen will, ist nun offiziell Präsidentschaftskandidat. Ekrem Imamoglu, Bürgermeister von Istanbul, wurde vergangene Woche in Untersuchungshaft genommen. Ihm wird Korruption und Unterstützung einer Terrororganisation vorgeworfen.
Beweise hat bisher niemand gesehen. Seine Partei CHP ließ sich davon nicht beeindrucken – und ernannte ihn am Wochenende zum Spitzenkandidaten.
Symbolwahlen, echte Wirkung
1,6 Millionen Parteimitglieder stimmten offiziell für Imamoglu. Zusätzlich gaben laut CHP über 13 Millionen Menschen symbolisch ihre Stimme ab – an improvisierten Wahlurnen in der ganzen Türkei.
Ein PR-Coup? Sicher. Aber einer, der funktioniert. Denn Imamoglu wird nun nicht mehr nur als Oppositionsführer gesehen. Er wird zur politischen Figur des Widerstands.
Das Innenministerium hat Imamoglu mit Verweis auf das laufende Verfahren von seinem Amt suspendiert. Auch zwei weitere Bürgermeister der CHP in Istanbul wurden abgesetzt.
In der kurdischen Region ist dieses Vorgehen Routine – in einer Metropole wie Istanbul ist es ein Tabubruch. Der Verdacht liegt nahe: Imamoglu soll aus dem Rennen genommen werden, bevor der Wahlkampf beginnt.
Das Istanbul-Problem
Imamoglu regiert Istanbul seit 2019 – gegen den Willen Erdogans. Zweimal gewann er gegen die AKP. Zweimal mit großem Vorsprung. Dass ausgerechnet in dieser Stadt Erdogans politischer Gegner wächst, ist ein politischer Affront.
Und ein wirtschaftliches Problem: Istanbul ist die wichtigste Stadt des Landes. Wer hier regiert, kontrolliert Netzwerke, Budgets, Prestige.
Proteste trotz Verboten – der Widerstand auf der Straße wächst
Trotz massiver Polizeipräsenz versammelten sich allein am Freitag laut CHP über 300.000 Menschen in Istanbul, um gegen die Festnahme Imamoglus zu protestieren.

In Berlin demonstrierten über 1.000 Menschen. Die Botschaft ist klar: Die Suspendierung Imamoglus wirkt nicht schwächend, sondern mobilisierend.
Wer ist Imamoglu – und warum trifft ihn die Repression so hart?
Ekrem Imamoglu ist kein klassischer Oppositionspolitiker. Er ist moderat, bürgerlich, charismatisch – ein Brückenbauer zwischen säkularen und konservativen Wählern.
Das macht ihn für Erdogan gefährlich. Und: Imamoglu wird international wahrgenommen. Eine Inhaftierung wiegt schwerer, wenn westliche Medien zuschauen.
Wahlkampf aus der Zelle?
Ob Imamoglu trotz Haft antreten darf, ist offen. Verliert er im laufenden Verfahren, droht ein Verbot für öffentliche Ämter. Doch gerade das könnte ihn stärken. Denn während Erdogan weiter mit Medienkontrolle und Justiz agiert, steht Imamoglu als der Mann da, den man loswerden will – mit allen Mitteln.
Das könnte Sie auch interessieren:
