03. April, 2025

Wirtschaft

Deutschlands Wirtschaft stagniert – doch der Norden wächst

Während klassische Industriebundesländer wie das Saarland, Thüringen und Rheinland-Pfalz in der Rezession stecken, trotzen Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg und Schleswig-Holstein dem Abwärtstrend – mit Tourismus, Dienstleistungen und Standortvorteilen.

Deutschlands Wirtschaft stagniert – doch der Norden wächst
Industrielle Abhängigkeit mit Folgen: Im Saarland schrumpfte die Wirtschaftsleistung 2024 um 1,9 % – fast jeder neunte Arbeitsplatz hängt dort an der angeschlagenen Auto- und Zulieferindustrie.

Industrie verliert – Tourismus gewinnt

Minus 0,2 Prozent: So lautet das ernüchternde BIP-Gesamtergebnis für Deutschland im Jahr 2024. Doch der bundesweite Stillstand verdeckt, wie unterschiedlich die Wirtschaftskraft zwischen den Regionen verläuft.

Während klassische Industrieländer wie Thüringen oder das Saarland spürbar schrumpfen, melden der Norden und einzelne Dienstleistungszentren wie Hamburg überraschende Wachstumsimpulse. Mecklenburg-Vorpommern etwa legte beim Bruttoinlandsprodukt sogar um 1,3 Prozent zu – das stärkste Plus unter allen Flächenländern.

Der Grund: weniger Industrie, mehr Dienstleistungen. Was nach struktureller Schwäche klingt, war in diesem Fall ein Vorteil. Während stahl- und autozentrierte Regionen unter Energiepreisen, Absatzrückgängen und geopolitischen Unsicherheiten litten, profitierten Tourismusregionen von einem anhaltenden Trend zu Inlandsreisen und Freizeitkonsum.

Autoländer im Rückwärtsgang

Besonders hart getroffen hat es das Saarland: ein Minus von 1,9 Prozent. Fast jeder neunte Arbeitsplatz dort hängt an der Automobilindustrie oder ihren Zulieferern. Und die stecken mitten in einem teuren, ungewissen Umbau – verbunden mit Absatzkrisen und Technologiewechseln.

Der große Arbeitgeber ZF Friedrichshafen, dazu zahlreiche kleinere Zulieferer, bremsen inzwischen das gesamte Bundesland aus.

In Thüringen sieht es kaum besser aus: 600 Zulieferbetriebe, 80.000 Jobs – und ein Rückgang der Wirtschaftsleistung um 1,3 Prozent. Der Strukturwandel ist da, aber die Alternative fehlt.

Auch Rheinland-Pfalz musste erneut ein Minus einstecken – das dritte Jahr in Folge. Das BIP fiel um 1,1 Prozent. Vor wenigen Jahren noch stand das Land für wirtschaftliche Euphorie: Biontech hatte mit dem Corona-Impfstoff für einen Wachstumsschub von über 11 Prozent gesorgt.

Heute ist davon kaum etwas übrig. Die Impfstoff-Nachfrage ist eingebrochen, der Umsatz der Mainzer Firma auf weniger als ein Siebtel geschrumpft.

Wenn der Hafen zur Konjunkturlokomotive wird

Ein ganz anderes Bild in Hamburg: Plus 1,7 Prozent. Die Hansestadt profitiert gleich mehrfach – vom starken Dienstleistungssektor, der Erholung der Banken, einer verbesserten Lage im Transportwesen und einem überraschend robusten Konsumklima.

Dass der Tourismus mit der Fußball-EM 2024 und ein stabiler Luftfahrtsektor ebenfalls zur positiven Entwicklung beigetragen haben, dürfte den Trend verstärken.

Auch der Hamburger Hafen, zuletzt oft als Sorgenkind betitelt, konnte sich behaupten. Und Unternehmen wie Beiersdorf, Airbus und Hapag-Lloyd zeigten sich krisenresistenter als so mancher Industriegigant im Süden.

Mecklenburg-Vorpommern: Wachstum ohne Industrie

Das stärkste BIP-Wachstum unter den Flächenländern erzielte ausgerechnet ein Bundesland, das wirtschaftlich oft belächelt wird: Mecklenburg-Vorpommern. Mit einem Plus von 1,3 Prozent setzte sich der Nordosten überraschend an die Spitze.

Entscheidender Treiber war auch hier der boomende Inlandstourismus – die Ostseeküste, Seenlandschaften und Städte wie Rostock oder Schwerin zogen wieder Millionen Urlauber an.

Dass das Land kaum industrielle Produktion vorweisen kann, wirkte sich diesmal positiv aus: Es gab schlicht weniger Abhängigkeit von jenen Sektoren, die 2024 besonders unter Druck standen – Automobilbau, Maschinenbau, Chemie, Stahl.

Deutschlands Norden trotzt der Rezession: Hamburg wächst um 1,7 %, gestützt durch Finanzsektor, Hafen, Airbus – während Bayern, NRW und Baden-Württemberg mit ihren Industrieclustern Verluste melden.

Frankfurt und der Finanzplatz trotzen der Flaute

Auch Hessen schaffte 2024 ein leichtes Plus – trotz Industriestandorten wie Offenbach oder Darmstadt. Getragen wurde die Entwicklung vom Finanzplatz Frankfurt.

Die EZB, große Banken, der Flughafen und die Börse gaben positive Impulse. Dazu kam: Mit fallenden Zinsen erholten sich Bankgewinne, und auch der Wertpapierhandel zog an. Nicht industriell, aber hochprofitabel.

Tesla-Effekt verpufft, VW bremst Niedersachsen aus

Anders die Entwicklung in Brandenburg: Nach dem zwischenzeitlichen Tesla-BIP-Hype im Jahr 2023 ging die Wirtschaftsleistung 2024 wieder zurück – um 0,7 Prozent. Der Tesla-Effekt erwies sich als kurzfristiger Impuls, kein nachhaltiger Wachstumsmotor.

Auch Niedersachsen kämpft. Zwar konnte das Bundesland mit seinen Küstenregionen vom Inlandstourismus profitieren, doch der Niedergang von Volkswagen in Wolfsburg wiegt schwer. Die Schwierigkeiten des Konzerns – vom lahmenden ID-Programm bis zu strategischen Unsicherheiten – ziehen das Land wirtschaftlich nach unten.

Deindustrialisierung auf Raten

Was sich in den Zahlen abbildet, ist mehr als ein konjunkturelles Auf und Ab – es ist ein wirtschaftlicher Strukturwandel in Echtzeit. Regionen, die einst als industrielle Kraftzentren galten, verlieren an Dynamik. Deindustrialisierung ist nicht mehr Theorie, sondern ökonomische Wirklichkeit. Vor allem dort, wo es keine diversifizierten Sektoren oder Innovationsimpulse gibt.

Der Umbau braucht nicht nur Förderprogramme – sondern auch unternehmerische Antworten. Bayern zum Beispiel, obwohl ebenfalls im Minus, hat mit Raumfahrt-Start-ups wie Isar Aerospace und KI-Firmen wie Helsing klare Zukunftsprojekte im Portfolio. Auch das macht einen Unterschied – wenn auch bislang eher in der Prognose als in der Statistik.

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