30 Sekunden, die Raumfahrtgeschichte schreiben sollen
Das Ziel war nicht der Orbit – das Ziel war, dass es überhaupt losgeht. Am Sonntagmittag um 12:30 Uhr hob die „Spectrum“-Rakete des Münchner Start-ups Isar Aerospace von einem norwegischen Startplatz ab. Knapp eine halbe Minute später war der Flug auch schon wieder vorbei – Absturz ins Meer.
Was auf den ersten Blick nach Scheitern aussieht, werten Experten als Fortschritt: „Das war ein Erfolg“, sagt Daniel Metzler, CEO von Isar Aerospace. Auch Raumfahrtexperten wie Ulrich Walter sehen den Test positiv: Die Hardware habe offenbar funktioniert, die Software sei nachjustierbar. Genau dafür sind Testflüge da.
Warum ein Raketenabsturz Deutschland trotzdem voranbringt
Was der Flug an Reichweite vermissen ließ, macht er strategisch wett: Mit dem Start der Spectrum betritt erstmals ein privat finanziertes deutsches Unternehmen die Startrampe – und zwar in einem Markt, der lange von staatlicher Schwerfälligkeit und internationalen Abhängigkeiten geprägt war.
Zum Vergleich: Im Jahr 2024 zählten die USA laut FAA 145 Raketenstarts, China 68, Europa lediglich drei. Und von diesen drei kam keine Rakete aus Deutschland. Bis jetzt.
Rakete als Antwort auf Elon Musk?
Die geopolitische Dimension ist nicht zu unterschätzen. Der Ukrainekrieg hat gezeigt, wie wichtig eigene Satellitennetzwerke für Aufklärung und Kommunikation geworden sind – Starlink, das System von Elon Musks SpaceX, wurde für die Ukraine zum digitalen Rückgrat. Doch diese Abhängigkeit ist für Europa zunehmend riskant.

Der deutsche Raketenstart ist daher mehr als ein technischer Meilenstein – er ist eine industrielle Souveränitätserklärung. Auch Bundeswirtschaftsminister Habeck spricht von einem „strategischen Durchbruch“.
Industrialisierung des Alls – und Europa hinkt hinterher
Während in den USA längst private Unternehmen wie SpaceX und Rocket Lab die Startwirtschaft dominieren, spielt Europa bisher eine Nebenrolle. Die französische Ariane 6 ist immer noch nicht voll einsatzbereit, der nächste Start ist frühestens 2027 angesetzt.
Isar Aerospace will das ändern – mit industrieller Serienproduktion, wöchentlichen Flügen und einem modularen Baukastenprinzip. Das erinnert stark an SpaceX – und das ist kein Zufall: Metzler kopiert, was in Kalifornien funktioniert. Rapid Prototyping statt aktengetriebener Raumfahrt.
Ein Markt explodiert – 70.000 neue Satelliten bis 2030
Goldman Sachs prognostiziert in einer aktuellen Studie ein massives Wachstum: Der weltweite Satellitenmarkt soll bis 2035 von derzeit rund 15 auf 108 bis 457 Milliarden Dollar anschwellen – je nach Technologieentwicklung.
Der Grund: Klimabeobachtung, Internet aus dem All, militärische Aufklärung, Katastrophenschutz, Logistik. Alles läuft über Satelliten – und die müssen erst einmal hochgebracht werden. Wer Raketen hat, hat Macht.
Kein PR-Gag, sondern Test unter realen Bedingungen
Der Flug der „Spectrum“ war kein medienwirksamer Dummy-Start, sondern ein technisch wertvoller Belastungstest. Hunderttausende Datenpunkte aus über 30 Sekunden Flug liefern den Ingenieuren von Isar Aerospace nun Erkenntnisse über das Zusammenspiel von Triebwerk, Avionik, Navigation, Software und Aerodynamik.
Und das Unternehmen hat bereits vorgebaut: Die zweite Rakete ist fertig, die dritte im Bau. Ein Insider rechnet mit dem ersten echten Orbit-Erfolg noch in diesem Jahr. Zum Vergleich: SpaceX benötigte vier Anläufe, um den Orbit zu erreichen.
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