Wer dieser Tage im Supermarkt steht, erlebt an der Kaffee-Front eine kalte Dusche. Zehn Euro für ein Pfund Filterkaffee? Keine Seltenheit mehr, sondern neue Realität. Die Teuerung trifft nicht nur die Genießer im Westen, sondern hat weltweit dramatische Folgen für Qualität, Handel und Anbau.
Dabei ist der Preisaufschwung keine vorübergehende Laune des Marktes. Im Gegenteil: Die Ursachen sind strukturell und werden sich so schnell nicht in heiße Luft auflösen.
Im Mittelpunkt steht der Klimawandel, der vielen Anbaugebieten zusetzt. Dürreperioden im Sommer, Starkregen im Winter, schrumpfende Bohnen und immer häufigere Ernteausfälle kennzeichnen die Realität in Brasilien, Kolumbien, Afrika und Asien.
Dazu kommt die geopolitische Komponente: Angriffe auf Handelsschiffe im Roten Meer haben Transportkosten nach oben schnellen lassen, Reedereien meiden den Suezkanal und nehmen Umwege über das Kap der Guten Hoffnung. Die Folge: längere Lieferzeiten, höhere Frachtpreise, noch mehr Druck auf die Margen.

Was das für den Konsumenten bedeutet, zeigt sich im Supermarktregal. Die Großen der Branche wie Tchibo, Dallmayr oder Aldi rufen inzwischen zweistellige Preise auf.
Die erhöhten Kosten würden allerdings nur zum Teil weitergegeben, erklären Insider. Die Röster selbst haben ihre Einkaufsrechnungen für ein Kilogramm Rohkaffee allein seit Anfang 2024 um bis zu sechs Euro steigern müssen.
Doch das ist nur die Spitze des Problems. Denn anders als in vielen anderen Märkten profitieren die Erzeuger vom Preisboom kaum. In Mittelamerika und Afrika leben Kaffeebauern von der Hand in den Mund. Ihre Anbauflächen schrumpfen, ihre Einnahmen stagnieren, ihre Perspektiven verdunkeln sich.
Die internationale Kaffeeorganisation berichtet von zunehmenden Fällen von Panschungen und Fälschungen: In Russland oder Indien wird Kaffee mit Mehl, Malz oder Dattelpulver gestreckt, in Extremfällen liegt der Kaffeeanteil bei unter 50 Prozent.
Der Markt ist aus dem Gleichgewicht geraten. Seit fünf Jahren übersteigt die globale Nachfrage das Angebot. Die Lager sind leer, kaum jemand traut sich, Bestände aufzubauen.
Hinzu kommt eine nervöse Börse: Preissprünge von 30 Cent pro Pfund innerhalb eines Tages sind längst keine Ausnahme mehr. Diese Volatilität erschwert die Planung und führt zu einer tiefen Verunsicherung entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Und sie führt zu einer paradoxen Situation: Trotz Rekordpreisen ist der Kaffeemarkt nicht in Feierlaune. Weder Bauern, noch Röster, noch Händler verdienen am Boom. Was bleibt, ist ein Produkt, das sich zunehmend von seinem Ursprung entfernt: wirtschaftlich, geografisch, moralisch.
In Deutschland, dem größten Exporteur von Kaffeeprodukten weltweit, dürfte der Trend weitergehen. Auch weil die Nachfrage ungebrochen hoch ist: Im Schnitt trinken Deutsche 160 Liter Kaffee im Jahr. Und auch wenn Experten eine Entspannung frühestens bei sinkendem Konsum erwarten, zeichnet sich ab: Die goldene Zeit des günstigen Kaffees ist vorbei. Endgültig.
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