01. April, 2025

Automobile

BYDs Schnellladesystem versetzt die Autobranche in Alarmbereitschaft

Mit der Ankündigung eines Fünf-Minuten-Ladesystems für 400 Kilometer Reichweite setzt BYD die Konkurrenz unter Druck. Doch hinter der spektakulären Technik stehen ungeklärte Fragen – zur Wirtschaftlichkeit, zur Infrastruktur und zur Glaubwürdigkeit.

BYDs Schnellladesystem versetzt die Autobranche in Alarmbereitschaft
BYD verspricht mit seinem neuen Megawatt-Ladesystem eine Reichweite von 400 Kilometern in fünf Minuten. Doch Experten warnen: Die nötige Infrastruktur existiert nicht, und Details zur Serienreife fehlen.

Mit Vollstrom an die Börse – und in die Schlagzeilen

400 Kilometer Reichweite in nur fünf Minuten Ladezeit: Die Ankündigung von BYD hat am Montag weltweit für Aufmerksamkeit gesorgt.

Die Aktie des chinesischen Herstellers sprang um über zehn Prozent nach oben, die Bewertung des Konzerns stieg auf umgerechnet rund 167 Milliarden US-Dollar – etwa das Dreifache von Volkswagen. Doch wie viel Substanz steckt in der Technikoffensive wirklich?

Ein Ladeversprechen mit Haken

Klar ist: Sollte BYD tatsächlich eine Megawatt-Ladeleistung für Pkw in Serie bringen, wäre das ein Meilenstein. Der Konzern spricht von einer „Super-E-Plattform“, einer völlig neuen Batterie mit ultraschnellen Ionenkanälen und einem 30.000 U/min-Motor.

Geladen werden soll mit einem vollständig flüssigkeitsgekühlten System, das 1000-Volt-Spannung aushält.

Doch die entscheidenden Fragen bleiben unbeantwortet: Wann startet die Massenproduktion? Wo entstehen die mehr als 4000 versprochenen Schnellladestationen? Wie teuer wird der Strom für den Endkunden?

Was die Konkurrenz kann – und was nicht

Zum Vergleich: Tesla bringt es aktuell mit seinen Superchargern auf etwa 18 Kilometer pro Lademinute, Mercedes auf 33, Li Auto auf 42. BYD reklamiert nun rechnerisch 80 Kilometer – fast das Doppelte des nächsten Verfolgers. Möglich wird das nur mit enormer Ladeleistung, die das Stromnetz an seine Grenzen bringt.

Eine Ladeleistung von einem Megawatt erzeugt bei nur fünf Prozent Verlust 50 Kilowatt Abwärme – genug, um ein ganzes Mehrfamilienhaus zu beheizen. Forscher bezweifeln die Alltagstauglichkeit.

Laut Fraunhofer-Experte Christoph Neef erzeugt das System bei nur fünf Prozent Verlust satte 50 Kilowatt Abwärme – genug, um ein ganzes Mehrfamilienhaus zu beheizen. Ohne Pufferspeicher und ausgeklügelte Kühlung droht Überhitzung – oder Schlimmeres.

Technologischer Fortschritt oder PR-Stunt?

Tatsächlich ist Megawatt-Laden in der Nutzfahrzeugindustrie nichts Neues. BYD selbst nutzt es seit Jahren bei E-Bussen und Trucks. Die Ausweitung auf Pkw ist also vor allem ein Signal: China will auch in der Serienfertigung von Hochleistungs-Elektroautos neue Maßstäbe setzen.

Doch Experten wie Markus Lienkamp von der TU München bleiben skeptisch. Das Konzept sei teuer, technisch anspruchsvoll – und für viele Nutzer unnötig.

Denn: „Wer 400 Kilometer fährt, macht sowieso eine Pause. Dann kann auch langsamer geladen werden.“

Die Schattenseite der Geschwindigkeit

Nicht nur die Batterien, auch die Infrastruktur wird an ihre Grenzen geführt. Megawatt-Ladung braucht nicht nur spezielle Technik im Fahrzeug, sondern auch massive Pufferbatterien an den Stationen, um die Stromspitzen abzufangen. Das treibt die Kosten – und die Energieverluste.

Laut Neef dürfte der Verschleiß der Technik erheblich sein. Die hohen Spannungen erfordern stärkere Isolierung, mehr Leistungselektronik, aufwendige Wartung. Alles ist machbar – aber alles hat seinen Preis.

Kampf der Systeme

Die Schnellladeoffensive ist auch als Antwort auf das Batterietauschsystem von Nio zu verstehen. In China liefern sich die Hersteller ein Wettrennen um die effizienteste Lösung. Nio betreibt bereits über 3.200 Tauschstationen, der Konzern will zusammen mit CATL das größte Batterietauschnetz der Welt bauen.

Während Nio auf Austauschbarkeit setzt, kontert BYD mit reiner Ladegeschwindigkeit. Welcher Ansatz sich langfristig durchsetzt, ist offen – aber eines ist klar: Europa ist in diesem Rennen nicht mehr Taktgeber, sondern Zuschauer.

Was bedeutet das für deutsche Hersteller?

Noch müssen sich BMW, Mercedes und VW nicht sorgen – aber der Druck wächst.

Andreas Radics von Alix Partners warnt: „Die Deutschen müssen endlich lernen, chinesische Innovationen ernst zu nehmen.“

Denn selbst wenn BYDs System nicht morgen den Markt erobert – es zeigt, wohin sich der technologische Fokus verlagert: Geschwindigkeit, Integration, Infrastruktur.

Der Unterschied? BYD denkt das Produkt zusammen mit der Versorgung – Batterie, Fahrzeug, Ladestation, alles aus einer Hand. Das fehlt deutschen Herstellern bislang.

Noch keine Revolution – aber ein Weckruf

Ob BYD mit seinem Ladesystem die Automobilwelt verändert, ist ungewiss. Vieles ist technisch möglich, aber wirtschaftlich fragwürdig. Die Ankündigung ist mehr Signal als Realität. Doch sie zeigt: Chinesische Unternehmen verstehen es, technologisch zu überraschen – und Marktanteile zu verschieben.

Was wie ein PR-Coup klingt, ist zugleich ein Ausblick: Auf eine Mobilitätszukunft, in der Schnelligkeit, Systemintegration und Infrastruktur eine größere Rolle spielen werden als reine Reichweite.

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