Ein Brief, der Washington aufhorchen ließ
Es sind nur ein paar Zeilen, adressiert an US-Vizepräsident J.D. Vance und Handelsminister Howard Lutnick. Doch sie könnten das Rennen um die Zukunft der meistgeladenen App der Welt neu entfachen.
Amazon, so berichtet die New York Times, hat sich mit einem unverbindlichen Angebot ins Spiel gebracht, TikTok zu übernehmen – oder zumindest den US-Geschäftsbereich. Es wäre eine der spektakulärsten Wetten, die Jeff Bezos je gespielt hat.
Die Ausgangslage: Nach einem 2024 verabschiedeten US-Gesetz hätte TikTok bis Januar von seinem chinesischen Mutterkonzern Bytedance getrennt werden müssen. Doch Ex-Präsident und aktueller Amtsinhaber Donald Trump gewährte eine 75-tägige Verlängerung – rein politisch, nicht rechtsbasiert. Diese läuft am 5. April ab.
TikTok – zerschlagen oder geschluckt
Seit Monaten tobt hinter verschlossenen Türen der Machtkampf um TikTok. Die Trump-Regierung pocht auf eine „Entflechtung chinesischer Kontrolle“ – Sicherheitsbedenken, Spionagevorwürfe, geopolitisches Kalkül. Bytedance hingegen hält dagegen: Eine isolierte Abspaltung des US-Geschäfts sei technisch wie wirtschaftlich kaum durchführbar.
Trump wiederum deutete mehrfach an, dass es „verschiedene Wege“ gebe, TikTok zu kaufen – ein Satz, der Raum für politische Kreativität lässt. Amazon soll nun laut US-Medien genau diesen Spielraum nutzen.

Der Konzern mit Sitz in Seattle verfüge über die notwendige Infrastruktur, das Kapital – und den politischen Rückenwind, um TikTok in amerikanische Hände zu überführen.
Bezos neue Nähe zu Trump – Kalkül statt Überzeugung
Noch 2020 lieferten sich Donald Trump und Jeff Bezos einen öffentlichen Schlagabtausch, bei dem der eine den Washington Post-Besitzer als „Fake-News-König“ beschimpfte und der andere den damaligen Präsidenten als „Gefahr für die Demokratie“ bezeichnete. Seit der Rückkehr Trumps ins Weiße Haus ist der Ton deutlich leiser geworden.
Bezos, der sich zuletzt stark aus dem operativen Amazon-Geschäft zurückgezogen hatte, agiert wieder präsenter. In Hintergrundgesprächen spricht man von einem „strategischen Annähern“ – nicht aus ideologischer Verbundenheit, sondern aus wirtschaftlichem Eigeninteresse.
Mit einem TikTok-Deal könnte Bezos gleich doppelt profitieren: Er würde einen der weltweit mächtigsten Datenkanäle kontrollieren – und sich politisch unentbehrlich machen.
TikTok als Datenmaschine – und politischer Sprengsatz
Ein möglicher TikTok-Kauf wäre für Amazon weit mehr als ein Zukauf. Die Plattform ist die Wachstumsmaschine der Generation Z, ein digitaler Multiplikator, ein Datenparadies. Wer TikTok besitzt, hat Zugang zu Milliarden Profilen, Gewohnheiten, Kaufimpulsen – und Meinungen.
Genau das macht den Deal so brisant. Denn wer TikTok kontrolliert, kontrolliert nicht nur Werbung und E-Commerce – sondern auch Narrative. Amazon könnte TikTok als neues Frontend seines Universums etablieren, von Mode über Filme bis hin zu Cloud-Services.
Doch der politische Druck wäre enorm. Der Deal müsste kartellrechtlich geprüft werden, der Kongress würde Fragen stellen: Kann ein Konzern, der bereits große Teile des Onlinehandels, Cloud-Geschäfts und Streamings dominiert, auch noch die erfolgreichste Social-Media-App der Welt übernehmen?
Die Konkurrenz schläft nicht – Oracle bleibt im Spiel
Amazon ist nicht allein. Auch Oracle gilt weiterhin als ernstzunehmender Kandidat. Das Softwarehaus war schon 2020 in einem ersten Übernahmeversuch mit dabei und sichert aktuell die US-Nutzerdaten von TikTok über Cloud-Services. Ein vollständiger Kauf wäre ein logischer, aber komplizierter nächster Schritt.
Oracle genießt Rückhalt im republikanischen Lager, gilt aber als technologisch weniger geeignet, TikTok als Plattform zu betreiben. Amazon hingegen bringt mit AWS, Prime Video und Alexa alle Bausteine mit – nur keine Erfahrung im Social-Media-Geschäft.
Was wie ein Nachteil wirkt, könnte sich politisch als Vorteil erweisen: weniger Kontrolle über Inhalte, mehr Fokussierung auf Infrastruktur.
Ein Deal mit globalen Folgen
Was auf den ersten Blick wie ein normaler Tech-Deal erscheint, ist in Wahrheit ein geopolitisches Schachspiel. Der Ausgang betrifft nicht nur das Verhältnis zwischen Washington und Peking – sondern die künftige Machtverteilung im digitalen Zeitalter. Wer TikTok kontrolliert, hat Einfluss auf Meinungen, Märkte – und letztlich auch auf Macht.
Ob Amazon den Zuschlag erhält, ist unklar. Doch dass der Konzern überhaupt mitmischt, zeigt: Die Zeiten, in denen Bezos nur Bücher verkaufte, sind endgültig vorbei.
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