Die Technik boomt – nur nicht in Deutschland
Keine Ladesäule, keine Reichweitenangst, keine Ladezeit – und trotzdem elektrisch unterwegs. Klingt nach dem Wunschzettel deutscher Autokäufer. In China ist dieses Konzept längst Realität.
Es heißt Range-Extender, kombiniert Elektroantrieb mit einem kleinen Verbrennungsmotor, der die Batterie bei Bedarf wieder auflädt. Damit erreichen Modelle wie der Li Auto L6 über 1.100 Kilometer Reichweite – ohne Nachladen.
Im Jahr 2024 wurden allein in China rund 1,2 Millionen dieser sogenannten EREVs (Extended-Range Electric Vehicles) verkauft. Keine Antriebsart wächst schneller.
Der Preisaufschlag für die Technik? Gerade einmal 385 Euro. In Europa hingegen: Fehlanzeige. Volkswagen, BMW und Mercedes bieten keine entsprechenden Fahrzeuge an. Dabei geht es längst nicht mehr um Zukunftstechnologie – sondern um ein wachsendes Milliardengeschäft, das sie verpassen.
Der Markt dreht sich – und die Deutschen schauen weg
China ist nicht irgendein Markt. Es ist der größte der Welt – und der wichtigste für deutsche Premiumhersteller. Doch 2024 verlor BMW dort erstmals die Spitzenposition bei Premium-SUVs – an ein chinesisches Start-up: Li Auto.
Mit knapp 493.000 verkauften SUVs lag das Unternehmen rund 140.000 Fahrzeuge vor BMW. Mercedes und Audi liegen sogar noch weiter zurück.
Der entscheidende Unterschied: Während deutsche Hersteller weiterhin auf vollelektrische Modelle oder klassische Plug-in-Hybride setzen, liefert Li Auto serienmäßig mit Range-Extender – und trifft damit den Nerv der Käufer.

Keine Ladeinfrastruktur? Kein Problem. Lange Strecken? Kein Problem. Günstiger Preis? Ebenfalls.
Ein alter Bekannter – den keiner haben will
Das Prinzip Range-Extender ist kein chinesisches Patent. Opel zeigte bereits 2009 mit dem Ampera, wie so ein Konzept funktionieren kann. Auch BMW bot den i3 in bestimmten Märkten mit zusätzlichem Generator an. Doch anstatt die Technik weiterzuentwickeln, verschwand sie wieder – zu komplex, zu teuer, zu wenig Nachfrage. Heute wirkt das wie ein strategischer Fehler.
Denn jetzt rollen die Chinesen den Markt auf. Li Auto ist längst kein Experiment mehr. Das Unternehmen ist profitabel, hat 2023 einen Gewinn von rund 1,5 Milliarden Euro erwirtschaftet – und expandiert nach Europa. In München wurde kürzlich das erste Entwicklungszentrum außerhalb Chinas eröffnet.
Andere Hersteller wachen langsam auf
Nicht nur chinesische Firmen wie BYD oder Aito setzen auf den Reichweitenverlängerer. Auch internationale Hersteller wollen nicht länger zuschauen.
Mazda bringt den MX30 mit Range-Extender, Hyundai, Ford und Stellantis haben entsprechende Modelle angekündigt. Nur die großen deutschen Namen fehlen.
Volkswagen kündigte an, 2026 in China in das Segment einzusteigen. Vielleicht. In Europa? Unklar. Bei Mercedes und BMW heißt es, man setze weiterhin auf Plug-in-Hybride – und darauf, dass der Kunde "ausreichend Auswahl" habe. Doch reicht das aus, wenn Konkurrenten ein Fahrzeug mit 1.000 Kilometern Reichweite, Ladeunabhängigkeit und attraktiver Preisgestaltung bieten?
Eine Lücke, die andere füllen könnten
Die Rechnung ist einfach: Wer in Europa kein überzeugendes Mittelklasse- oder Oberklasse-SUV mit Range-Extender bietet, überlässt dieses Feld anderen.
Experten wie Xing Zhou von Alix Partners sehen genau dort den nächsten Angriffspunkt chinesischer Marken. Denn obwohl EREVs global eine Nische bleiben werden, ist es eine lukrative Nische – mit hohen Margen und wachsender Nachfrage.
Zhou warnt: „Was in China funktioniert, wird auch in Europa funktionieren – sobald die Kunden die Alternative kennen.“ Mit anderen Worten: Es ist keine Frage der Technik, sondern des Timings.
Subventionen könnten Wende bringen – aber für wen?
Auch politisch könnte sich bald etwas bewegen. Erste Hinweise deuten darauf hin, dass die Bundesregierung künftig wieder auch Plug-in-Hybride fördern will. Sollte die Definition dabei auch EREVs einschließen, wären sie auf einen Schlag subventionsfähig – und für viele Hersteller plötzlich wieder interessant. Ob die Deutschen dann schon soweit sind?
Das könnte Sie auch interessieren:
